Die Hieroglyphe des Dornacher Baus II

GA 288/1920-04-05/p007 ·1920-04-05 · original (original)
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Wenn man unseren Bau verstehen will, so muss man auch darauf Rücksicht nehmen, dass die ganze Behandlung dem im Charakter neuen Baustil angemessen gestaltet ist. Es ist so, dass zum Beispiel selbst die Wandgestaltung künstlerisch eine andere ist als die Wandgestaltung bei früheren Baustilen: Es ist die Wand eigentlich immer so aufgefasst worden, dass sie als Grenze des Raumes, den man abschließen wollte, aufgefasst wurde. Bei uns hier am Goetheanum ist die Wand so aufgefasst, dass sie eigentlich sich selber überwindet. Das ist physisch erreicht bei unseren Fenstern. Unsere Fenster sind, insofern sie die Hauptfenster des Zuschauerraumes sind, aus einfarbigen Glasscheiben herausradiert. Es ist dann so, dass die künstlerischen Werke eigentlich erst dadurch zustande kommen, dass das Sonnenlicht durchscheint. Es ist also die Bearbeitung der Fensterscheiben eine Vorbereitung, und der ganze Eindruck wird durch das Wechselverhältnis desjenigen, was an der Scheibe gearbeitet wurde, mit dem durchscheinenden Sonnenlichte erzeugt. Da ist gerade bei den Fenstern physisch dasjenige erreicht, was sonst angestrebt worden ist im ganzen Bau, sei es durch die Säulengestaltung, sei es durch die sonstige Wandschnitzerei, sei es durch die Malerei, dass die Wand gewissermaßen sich selber aufhebt. Sodass man, wenn man an die Wand hinschaut, nicht das Gefühl hat, der Raum ist abgeschlossen, sondern dass man das Gefühl hat: Durch die Wand hindurch wird man in den Kosmos hinausgeführt. Bei den Fenstern müssen Sie ja dieses Gefühl physisch haben, weil Sie unmittelbar, ich möchte sagen, zur Lichtwirkung nach außen führen, rein durch die physische Gestaltung der Scheiben; aber bei den übrigen Wandgestaltungen ist das auch künstlerisch versucht worden.

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