Die Hieroglyphe des Dornacher Baus II
Nichts anderes wollte dieser Bau sein als ein lebendiger Ausdruck dafür. Die Fortsetzung desjenigen, was sich europäische Kultur errungen hat, diese Fortsetzung soll leben, nicht der Tod davon! Aber dieser Bau appelliert nicht an ein unbestimmtes Schicksal, dessen Führung man sich etwa bequem hingeben will, sondern dieser Bau appelliert an ein tätig Lebendiges. Will der Mensch ohne dieses tätig Lebendige, ohne dass man das will, diese europäische Zivilisation retten, ohne diesen Impuls für die Rettung, ohne diesen Willen, ohne diese Freiheitstat der Rettung, wird diese Kultur nicht gerettet, wird sie demselben Schicksal verfallen wie in Mitteleuropa der Goetheanismus. Dann mag man große Archive gründen und in diesen großen Archiven Philologie treiben über dasjenige, was in Europa einmal war. Aber wir sollten es nicht zu Archiven allein kommen lassen, wir sollten es zu lebendigen, schon durch ihre Formen ihre Lebendigkeit ankündigenden Bauten - physischen und geistigen - kommen lassen, die sich so verhalten sollten zu der europäischen Zivilisation, wie sich dieses Goetheanum zum Goetheanismus, nicht wie sich die Goethe-Archive zum Goetheanismus verhalten. Das möchte ich, dass herausgelesen werden könnte aus diesen Formen. Denn diesen Namen Goetheanum hat jemand ersehnt, meine lieben Freunde, als Name zuletzt für diesen Bau hier, der schon erlebt hat den Unterschied zwischen einem Mausoleum des Goetheanismus und dem, was sein könnte, ein lebendiger Organismus für den Goethe-Geist, aber in seiner Fortentwicklung, jetzt für 1920, in fünfzig Jahren für 1970 usw.
Cite:
GA 288/1920-04-05/p052 · edition original