Shakespeare und die Neuen Ideale
Sie haben in diesen Tagen jene Szene sehen können, wo der Mönch vor der hingeworfenen Helena hinkniet und seine Überzeugung über ihre Schuldlosigkeit ausdrückt. Es ist etwas ungeheuerlich Tiefes und Wahres, mit dem sich kaum etwas vergleichen läßt in der neueren Literatur; es sind manchmal gerade die Intimitäten an Shakespeare, die so bedeutsam wirken und seine innere Lebendigkeit aufweisen. Oder in dem Stück «Wie es euch gefällt», wo der Herzog in dem Ardennenwalde vor den Bäumen im Walde steht und die Natur schaut: Das sind bessere Ratgeber als das am Hof Erlebte - spricht er aus -, denn diese Ratgeber sagen mir etwas darüber, was ich als Mensch bin. - Und welch wunderbare Naturanschauung spricht gerade an dieser Stelle aus Shakespeare, indem er sagt: Die Bäume sprechen, die Quellen werden zur Schrift. - Er lernt die Natur verstehen, er lernt die Natur lesen. Darauf kann Shakespeare hinweisen, darauf kann sekundär ja auch ein neuerer Dichter hindeuten. Beim neueren Dichter empfinden wir das Sekundäre; bei Shakespeare empfinden wir, daß er in seinem Erlebnis darinsteht, daß er unmittelbar das alles ganz selbst erlebt hat. Selbst wenn beide dasselbe sagen, ist es ganz anders, ob Shakespeare oder ein neuerer Dichter es sagt.
Cite:
GA 304/1922-04-23/p007 · edition original