Erster Vortrag
Anthroposophische Pädagogik will ja aus derjenigen Menschenerkenntnis heraus wirken, die nur auf dem Boden geisteswissenschaftlicher Anthroposophie zu erringen ist; sie will wirken aus einer Menschenerkenntnis heraus, welche den ganzen Menschen umfaßt nach Leib, Seele und Geist. Nun wird man zunächst einen solchen Ausspruch für eine Selbstverständlichkeit halten. Man wird sagen, das sei ganz selbstverständlich, daß der ganze Mensch berücksichtigt werden müsse, wenn es sich um pädagogische Betätigung, um pädagogische Kunst handelt, und daß dabei auf der einen Seite das Geistige eigentlich nicht vernachlässigt werden dürfe über dem Leiblichen, auf der andern Seite das Leibliche nicht über dem Geistigen und so weiter. Aber wie es sich damit verhält, das wird man sehr bald sehen, wenn man die praktische Ausführung gewahr wird, die aus irgendeinem Zweige menschlicher Betätigung hervorgeht, der auf anthroposophische Geisteswissenschaft hin begründet ist. Hier in Holland ist, zunächst im Haag, eine kleine Schule begründet worden auf der Grundlage anthroposophischer Menschenerkenntnis, gewissermaßen eine Tochterschule unserer Stuttgarter Waldorfschule. Und ich glaube, wer sich bekannt macht, sei es durch das, was man von außen her über den Betrieb einer solchen Schule erfahren kann, sei es dadurch, daß er in irgendeiner Weise Gelegenheit hat, das Innere dieser Schule kennenzulernen, der wird sehen, daß doch in der praktischen Betätigung, in der praktischen Handhabung des Unterrichts und der Erziehung sogleich etwas hervortritt, was diejenigen Dinge, die auf Anthroposophie begründet sind, wesentlich von dem unterscheidet, was heute sonst aus unserer gegenwärtigen Zivilisation und Kultur hervorgehen kann. Dies schon aus dem Grunde, weil überall, wo wir heute hinblicken, in der Auswirkung des Kulturlebens im praktischen Leben eine Kluft besteht, eine Kluft zwischen dem, was die Menschen theoretisch denken, theoretisch ersinnen, und zwischen dem, was sie praktisch wirklich ausführen. Theorie und Praxis sind heute in unserem Zivilisationsleben zwei weit voneinander abstehende Gebiete geworden. Man kann, so paradox das klingt, dies beobachten, vielleicht besonders kraß beobachten in den allerpraktischsten Lebensbetätigungen, sagen wir im kaufmännischen, im wirtschaftlichen Leben. Da lernt man theoretisch allerlei Dinge: man denkt zum Beispiel über Wirtschaftszusammenhänge nach, man hat Absichten. Aber diese Absichten sind nicht imstande, unmittelbar in die Handhabung desjenigen einzugreifen, was man dann praktisch zu tun hat, weil man auf der einen Seite über etwas denkt, meinetwillen nur ein Geschäft ausdenkt, auf der anderen Seite jedoch handelt man, muß man handeln nach den Bedingungen der Wirklichkeit. Ich möchte mich noch deutlicher ausdrücken, damit wir uns verstehen.
Cite:
GA 310/1924-07-17/p005 · edition original