Sechster Vortrag
Nun aber sehen Sie, wo überall die Quellen des Irrtums liegen, und wo man wirklich nur auf das Richtige kommt, wenn man so den menschlichen Organismus von innen heraus betrachtet. Denken Sie doch nur einmal, daß irgendeiner hergehen und sagen kann: Da liegt nun eine Krankheit vor, die kuriere ich mit Quecksilber. Und er erreicht auch irgendeine Wirkung. Nur ist just die Krankheit nicht irgend etwas, was mit Lues oder Syphilis zusammenhängen muß, aber ‘ er hat sich einmal die Vorstellung gebildet, wenn Quecksilber heile, so hänge das also zusammen mit Lues- oder Syphilisvorgängen. Das braucht gar nicht der Fall zu sein. Ebenso werden Sie dasjenige, was ich im vorigen Jahre gesagt habe, nun etwas genauer verstehen, indem ich von den «Geisteskrankheiten» sprach. Selbstverständlich habe ich, indem ich vor einigen Tagen von Gehirnerweichung gesprochen habe, die paralytischen Erkrankungen gemeint, aber wenn man sagt «Paralyse», so redet man eigentlich nicht so anschaulich. Man hat immer das Gefühl, daß man da schon nach dem äußeren Symptomenkomplex hinüberredet. Aber nun entsteht natürlich die Frage: Wie verhält sich das, was ich im vorigen Jahr gesagt habe, daß die eigentlichen Ursachen der psychischen Erkrankungen eigentlich in den Deformationen von Organen gesucht werden müssen? Das ist auch der Fall. Und es ist so stark der Fall, daß man immer, wenn man bloß die psychischen Symptome ins Auge faßt, eigentlich zu nichts kommt; es ergibt sich eigentlich nichts. Man kann schon einmal sagen: Ähnliche psychische Komplexe führen auf ganz verschiedene Krankheitsursachen eigentlich zurück. Es handelt sich immer mehr darum, daß man gerade beim sogenannten Geisteskranken die Deformation der Organe sucht, irgendein nicht richtig funktionierendes Organ, und daß man wiederum frägt: Warum funktioniert es nicht richtig? Weil jene Kräfte schadhaft geworden sind, die eigentlich die stabilen der Eiweißbildung sind, nicht die variablen, sondern die stabilen. Also, es ist etwas in dem Kranken, ‚das fortwährend danach strebt, das Organ eigentlich in seinem ursprünglichen plastischen Aufbau zu zerstören, und daher tut es auch nicht gut, wenn man zu stark hinüberschielt nach demjenigen, was in den Gewebeflüssigkeiten vorgeht und eben den anderen Pol des Stoffwechsels darstellt. Also mit dem, was im Organismus selber den Stoffwechsel darstellt, wird es nichts sein, wenn man nach den Symptomen ausgeht. Dagegen wird es außerordentlich wichtig sein, die Erkenntnis der Geisteskrankheiten in den Abscheidungen zu suchen. Da wird man schon durchaus wichtige Anhaltspunkte immer finden. Und nachforschen, wie die Abscheidungen bei einem Geisteskranken beschaffen sind, das ist außerordentlich wichtig, denn ich habe im vorigen Jahre gesagt, daß für gewisse Formen von Geisteskrankheiten eine Sucht vorliegt, Imaginationen, Inspirationen zu bilden. Das ist eben dasjenige, was Freiwerden des Geistigen im Inneren bedeutet.
Cite:
GA 313/1921-04-16/p023 · edition original