Zweiter Vortrag
Und auf der anderen Seite, der Satz: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören — ja, das ist ja eigentlich eine ebensolche Absurdität. Aber auch dieser Satz weist auf etwas hin, was erkannt, was durchschaut werden muß. Nämlich gerade so, wie uns der Satz: Die Natur erkennen heißt die Natur schaffen — auf das erste Kindheitszeitalter hinweist, eigentlich noch auf das Vorgeburtliche, wenn wir ihn in der richtigen Weise schauend ausdehnen, ebenso weist uns der Satz: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören — auf des Menschen Lebensende hin, auf dasjenige, was das Ertötende im Menschen ist. Sie brauchen ja nur, ich möchte sagen, in paradoxer Weise sich an diesen Satz zu halten: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören —, dann werden Sie schon finden, wie man ihm nicht folgen darf, wie er aber trotzdem im Leben als etwas, dem man sich asymptotisch fortwährend annähert, da ist. Den Geist erkennen, das heißt für den, der nicht einfach, ich möchte sagen, daraufloserkennt, sondern der in richtiger Weise Selbstschau entwickelt: Sehen, Schauen, fortwährende Abbauprozesse, fortwährende Zerstörungsprozesse im menschlichen Organismus. So wie wir, wenn wir in das kindlich schaffende Zeitalter hineinsehen, fortwährende Aufbauprozesse sehen, Aufbauprozesse, die aber ein Eigentümliches haben, die uns eigentlich das Bewußtsein trüben. Deshalb träumen wir, schlafen wir halb im Kindheitszeitalter, deshalb ist das Bewußtsein nicht voll erwacht. Diese unsere eigene iirdische Geistigkeit, nämlich die bewußte Geistigkeit zurückdrängende Wachstumstätigkeit, ist dasjenige, was uns eigentlich durchorganisiert, und in dem Momente, wo diese Kraft ins Bewußtsein hereindringt, hört sie auf, uns in demselben Maße durchzuorganisieren, wie sie uns vorher durchorganisiert hat. Ebenso, wie man da zuschaut, indem man ins Kindheitsalter hineinblickt, den aufbauenden Kräften, aber bewußtseinslähmenden Kräften, so schaut man zu, indem man den entwickelten Denkprozessen schauend sich hingibt, Abbauprozessen, die aber dazu geeignet sind, als Abbauprozesse gerade unser Bewußtsein hell und klar zu machen.
Cite:
GA 314/1920-10-08/p008 · edition original