Zweiter Vortrag
Das ist dasjenige, was die moderne physiologische Wissenschaft allzuwenig berücksichtigt, obwohl sie es eigentlich in ihren Erscheinungen so offenkundig daliegen hat, wie man nur irgend etwas daliegen haben kann. Nehmen Sie sich die wirklichen Erscheinungen der modernen Physiologie einmal heran, und Sie werden sehen, nichts kann klarer belegt werden aus all dem, was man kennt über Gehirnphysiologie und dergleichen, also daß man es bei den eigentlich seelisch-geistigen Prozessen, die bewußt verlaufen, nicht zu tun hat mit irgendwelchen Wachstumskräften, mit irgendwelchen Kräften der Nahrungsaufnahme, sondern daß man es zu tun hat mit Ausscheidungsprozessen, durch das Nervensystem mit Abbauprozessen, daß man es zu tun hat mit einem fortwährenden langsamen Ersterben. Es ist der Tod, der in uns wirkt, indem wir uns hingeben an dasjenige, was geistig eigentlich in unserem Bewußtsein wirkt. Und ebenso, wie wir durch die unbewußt schaffenden Kräfte auf den Lebensanfang blicken, so blicken wir durch die bewußt vorstellenden Kräfte, dadurch, daß sie als zerstörende Kräfte sich uns enthüllen, als dasjenige sich enthüllen, was immer mehr und mehr anfängt, indem wir ins irdische Leben hereinwachsen, uns zu ergreifen, uns abzubauen und uns zuletzt dem irdischen Tode entgegenzuführen; wir sehen eben durch diese Kräfte zu dem anderen Ende des Lebens, nach dem Tode hin. Und nicht anders wird man Geburt und Tod, oder sagen wir Empfängnis, Geburt und Tod verstehen können, als dadurch, daß man das Geistige mit hereinnimmt. Und in dem Satze: Den Geist erkennen heißt den Geist zerstören — liegt eigentlich das, daß man damit sagen will: würde man nun auf den Geist hinschauen wollen, würde man ihn nicht mehr oder weniger naiv aufnehmen, würde man ihn eben so aufnehmen, wie man die äußere Natur aufnimmt, dann würde man dasjenige, was in dieser bewußten Denkund Vorstellungs- und Empfindungs-, Gefühlstätigkeit wirkt, zurückstauen müssen, man würde das Abbauen verhindern müssen. Das heißt, man müßte in dem Momente die Gewalt über das Geistige, das innerlich Bewußte, zur Unbewußtheit, zu einem Wirken des Geistigen in Unbewußtheit herunterstimmen, herunterlähmen. Man würde dazu kommen, ein Geistiges aus sich herauszubilden, ein Geistiges gewissermaßen aus sich herauszustoßen. Aber man könnte nicht mit dem Bewußtsein mit, weil man die Organisation nicht hineintragen kann in diesen Abbauprozeß, in diesen Geistprozeß. Und so können wir sagen: Während die Organisationsprozesse darinnen bestehen, daß wir gewissermaßen — natürlich ist das eine abstrakte Betrachtung jetzt — das Formgerüst des menschlichen Organismus haben (siehe Zeichnung a), in das sich hineinbegibt die organisierende Kraft (siehe Zeichnung b, rot) als Geistig-Seelisches, haben wir es im anderen Falle so — in dem zweiten Fall, den ich beschrieben habe —, daß wir hier das Formgerüste des menschlichen Organismus haben, aber es nicht durchdrungen sein lassen wollen von der organisierenden, von der bis zu einem gewissen Grade unser Bewußtsein lähmenden Kraft, sondern daß wir die organisierende Kraft, die wir als Geist nun erkennen wollen, heraustreiben wollen (siehe Zeichnung c). Wir können 'aber nicht mit unserem Ich mit, weil dieses an den Organismus gebunden ist. Wir haben die andere Seite, die Seite, wo der Mensch zwar anfängt, Geistiges zu entwickeln, im Geistigen namentlich Willenstätigkeit zu entwickeln. In der Durchdringung mit Willenstätigkeit, die unbewußt bleibt, gewissermaßen schlafend, träumend ist, beruht das, daß wir eigentlich ohne Bewußtsein ein Geistig-Seelisches herausbringen aus unserer Organisation. Wir haben die andere, die manische Seite, die tobende Seite, wo der Mensch toll wird, und die verschiedenen Formen der sogenannten geistigen Erkrankungen, die aber in nichts anderem bestehen als darinnen, daß wir hier bei den physischen Erkrankungen ein Geistig-Seelisches haben, das nicht hineingehört in den physischen Organismus (siehe Zeichnung b), während wir bei den sogenannten geistigen Erkrankungen im Psychisch-Seelischen aus dem Physisch-Atherischen etwas heraustreiben, was eigentlich drinnen sein sollte und was wir aus dem Organismus heraustreiben (siehe Zeichnung c). Wir sehen heute von der anderen Seite noch beleuchtet dasjenige, worauf wir gestern gekommen sind. Und die Sache ist so, daß uns gerade dieser Gesichtspunkt mehr leitet, wir werden morgen sehen, zu welchen fruchtbaren therapeutischen Konsequenzen man gerade durch diese Gesichtspunkte kommt, die sich dann durchaus im Leben bestätigen, die sich erweisen als die alleräußerste Lebenspraxis in der Medizin, als die therapeutische Praxis.
Cite:
GA 314/1920-10-08/p010 · edition original