Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft

GA 330/1919-05-13/p006 ·1919-05-13 · original (original)
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Da ist es merkwürdig, wie die umfassendsten Impulse von denjenigen verständnisvoll aufgenommen werden, die am eigenen Leibe das Unzulängliche der Menschheitsentwickelung in den letzten Zeiten erfahren haben. Schwerer wird es, zu denjenigen zu reden, die heute gewissermaßen noch dastehen mit den Resten der alten Wirtschafts-, Rechts- und Geistesordnung; die hinübertragen in die neue Zeit, was sie sich aus der alten Ordnung erworben, ererbt oder auf sonstige Weise angeeignet haben. Die hängen, sei es an ihren Gütern, sei es an ihren Vorstellungen. Und schwierig wird es ihnen, anderes für praktisch zu finden als lediglich dasjenige, welches ihnen möglich macht, dieses Erworbene, Ererbte oder sonstwie Angeeignete wenigstens bis zu einem gewissen Grade zu erhalten. Es fehlt heute eigentlich vielen Menschen, und um so mehr solchen Menschen, die zu der zuletzt angeführten Klasse gehören, nicht nur die Möglichkeit, Vertrauen zu suchen, um durch Vertrauen der Menschen zueinander zu einem Neuaufbau zu kommen, sondern es fehlt ihnen sogar der Glaube an dieses Vertrauen, es fehlt ihnen der Glaube, daß das Verständnis derjenigen, die große Impulse verstehen wollen, ein echtes und ehrliches ist. Ich will nicht Kritik üben, ich will nur Tatsachen besprechen, Tatsachen aber, welche es so unendlich schwierig machen, heute durch dasjenige vorwärts zu kommen, durch das einzig und allein vorwärts gekommen werden kann - die Kraft, die in dem Menschen liegt für das Verständnis des anderen Menschen. Unendlich schwer ist es heute, diese Grundlage alles wirklichen Sozialismus populär zu machen: Verständnis des einen Menschen für den anderen Menschen. Denn merkwürdig, in unserer Zeit, in der so bedeutsam, so großartig der Ruf nach Sozialismus ertönt, in dieser Zeit leben die stärksten antisozialen Triebe bis in die Tiefe der Menschenseele hinein. Daher kommt es auch, daß es, getrübt durch diese antisozialen Triebe, heute eigentlich wenigen Menschen möglich ist, hinreichende, wirklichkeitsgemäße, wahrhaft praktische Anschauungen über dasjenige zu bekommen, was uns für die Weiterentwickelung der Menschheit notwendig ist. Das, wovon in den vorigen Vorträgen gesprochen wurde, und wovon heute und das nächste Mal gesprochen werden soll, das ist nicht aus Wolkenkuckucksheim heruntergeholt, das ist genommen aus dem unmittelbaren Leben. Denn viel von dem, was gerade durch die Impulse des dreigliedrigen sozialen Organismus gefordert wird, das ist in dem geheimen Verlangen vieler Menschen im Grunde genommen eigentlich schon da, schon da in der Weise, daß es sich aus Seelenuntergründen an die Oberfläche bewegen will, daß es sein Dasein erkämpfen will, und daß nur die Einrichtungen unserer bisherigen Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsordnung diese an die Oberfläche drängenden Mächte zurückhalten wollen. Besonders stark wird man aufmerksam auf die merkwürdigen Erscheinungen, wie heute die Menschen aus ihrer alten Staatswirtschaftsordnung heraus geradezu entgegenarbeiten dem, was sich zu ihrem eigenen Heile in die Höhe kämpfen will, wenn man gerade den die Welt heute aufwühlenden Kampf zwischen dem Kapital und der menschlichen Arbeitskraft ins Auge faßt. Erwarten Sie nicht von mir, daß ich Ihnen beginnen werde mit irgendeiner mehr oder weniger befriedigenden Definition des Kapitals und der menschlichen Arbeitskraft. In der Wirklichkeit kämpft man nicht gegen Begriffe und Ideen, in der Wirklichkeit hat man zu kämpfen gegen Kräfte und Menschen. In der Wirklichkeit hat man aber auch zu kämpfen oftmals gegen den Irrwahn, die Unzulänglichkeit, ja die Blindheit. In bezug darauf liegen die Dinge heute außerordentlich merkwürdig.

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