Zehnter Vortrag

GA 343/composition_of_the_gospels/p005 ·1921-10-01 · original (original)
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Wenn ich selbst an die Evangelien herankomme, es mag noch so oft sein, so habe ich immer eine ganz bestimmte Empfindung, nämlich diese, daß in den Evangelien, wieweit man sie auch verstanden haben mag, was man auch aus ihnen heraus und über sie gedacht und gesagt hat - und man mag eben, ich betone das ausdrücklich, noch so oft an sie herantreten —, immer einem etwas Neues entgegentritt. Über die Evangelien lernt man nie aus. Aber dieses Lernen an den Evangelien ist mit etwas anderem verbunden; es ist damit verbunden, daß man, je weiter man sich mit ihnen beschäftigt, um so mehr Bewunderung empfindet für die Tiefe des Gehaltes, gerade für, ich möchte sagen, das Unermeßliche, in das man untertaucht und das eigentlich die Empfindung hervorruft, daß es kein Ende gibt in dieser Möglichkeit des Untertauchens, daß diese Bewunderung mit jedem Mal der Vertiefung in die Evangelien größer wird. Man hat allerdings mit Bezug auf diesen Weg einige Schwierigkeiten, die darin bestehen, daß man, wenn man einige Schritte hinein in die Evangelien gemacht hat - ich sage ausdrücklich «hinein» —, daß man über die Überlieferung stolpert. Für den eigentlichen Geisteswissenschaftler bildet das weniger ein Hindernis, denn ihm stellt sich etwas vor Augen wie die Urevangelien mit ihrem, man möchte fast sagen, wortlosen Text, und das erleichtert dann das NichtStolpern über die Überlieferung. Die Bewunderung, die scheint mir aber ein unerläßliches Element zu sein, wenn das Evangelienlesen für den einzelnen Menschen die Grundlage abgeben soll für ein religiöses Lehrwirken. Denn immer wiederum muß ich betonen, hier kommt es gerade darauf an, nicht nur das religiöse Leben im allgemeinen zu charakterisieren, sondern die Grundlagen zu liefern für das religiöse Lehrwirken, überhaupt für das religiöse Wirken im ganzen.

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