Sechster Vortrag
Nun, sehen Sie, meine Herren, Sie werden ja wissen, streiten kann man eine Zeitlang; die Leute können sich zusammensetzen und streiten und streiten und streiten; der eine sagt dem andern das, der andere sagt dem einen jenes! Nun, streiten werden sie. Aber was kommt denn gewöhnlich dabei heraus? Sie trennen sich zuletzt, gehen auseinander! Das Ende der Streitigkeiten ist, daß man sich veruneinigt, daß man auseinandergeht. Die Verständigung findet ja in den wenigsten Fällen statt, insbesondere dann nicht, wenn die Streitigkeiten großen Umfang annehmen. Sie wissen ja, zuerst gab es eine sozialistische Partei; die hat viel gestritten. Da gab es einen linken und einen rechten Flügel. Aber nachher sind die Flügel eigene Parteileitungen geworden. Und so war es auch mit der Ausbreitung des Christentums. Es hat sich ausgebreitet. In Asien drüben, also im Osten, hat man mehr gegeben auf den Vatergott, durchaus aber den Christus festgehalten; in Europa hat man mehr unterschieden zwischen dem Vater und dem Sohn. Da hat man diskutiert darüber, sich gestritten so bis ins 9., 10. Jahrhundert. Dann ist die große Kirchenspaltung eingetreten. Die östliche Kirche, die man heute die orthodoxe nennt, weil sie an ursprünglichen, alten Dingen festgehalten hat, und die westliche Kirche, die römisch-katholische Kirche, die haben sich voneinander getrennt. Da trat also zuerst dieser große Unterschied auf zwischen der östlichen Kirche, dem östlichen Christentum und dem westlichen Christentum.
Cite:
GA 353/1924-03-19/p028 · edition original