Zusammenhängende Entwürfe zum ersten, zweiten und dritten Bild
THOMASIUS: Einen Sieger habet Ihr, o hohe Weisheitträger, In mir erwartet, der nach manchem heißen Ringen Und jahrelangem Geistesmühen Den stolzen Wissensbau errichtet, Und ihn zuerst verteidigt fand Durch der eignen Seele Forschungssinn Und jetzt durch vieler Menschen Bekenntnis. Zuletzt erhebet zum Gliede eures Tempelschatzes Ihr, dies mein Werk. Geblendet von solcher Lichtesfülle, Scheint mir Erstaunen nur zu ziemen Vor dem, was Geisteskraft, durch mich, Ein schwaches Werkzeug, wollte leisten. Und wahrlich, könnte etwas im weiten Weltenall Übertönen des eignen Herzens Wort, Die Worte des hohen Meisters Müßten es vermögen, der eben So väterlich zu mir gesprochen. Doch darf in Wahrheit der Mensch Allein sich diesem Tempel nahn. Drum ziemt ein andres mir Als die Bitte um euren hohen Schutz. Denn wißt, der Vollbringer des Werks, Das ungezählte Bekenner fand, Dem ihr die Weihe geben wollt: Er steht als Abtrünniger der eignen Botschaft In dieser Stunde vor eurem Richterstuhl, Und mit seiner eignen Seele Widerspruch Vereint sich furchtbar die Erkenntnis, Daß hier an diesem Orte Anerkennung Kann finden, was dem Schöpfer Als Irrtum nur erscheinen kann. — So lang die Arbeit mich in Fesseln hielt Und ich von Schluß zu Schluß getrieben Dem trügerischen Ziel entgegeneilte, Erschien der Bau mir felsenfest. Und noch lange blieb es so, Nachdem das Werk vollbracht. Wär es anders, ich hätte zu hindern Wohl verstanden die Wirkung, die von meiner Botschaft ausgegangen. Erst spät jedoch, als die Betäubung hingeschwunden, Die Schaffenskräfte über mein Selbst ergossen, Und ich wieder mir selbst entgegentrat, Da konnten erwachen die Widerstände, Die mir am eignen Wesen Ganz deutlich zeigten, welch Blendwerk Dem Geist entsprungen, Der sich — so sicher wähnte, ja den Die Welt in dieser Stunde fest gefügt noch halten kann. Die Welt, der mein Erkenntnisbau Die feste Stütze schaffen sollte Und die aus seines Wesens Untergründen In Zeiten, da der Geist in Geistessphären tritt, Sich zum bewußten Schauen kann erheben, Sie trat in ihrer eignen Wesenheit Und wahren Gestalt vor meine Seele. O wie anders war da alles, Als es sich meiner Seele Denkerwahn Im wohlgefügten Wissensbau gezeichnet hat. Da mußt ich sehn, Wie Irrtum in Wirklichkeit zur Wahrheit steht. Der Tod ist Vernichtung ja nicht nur Des Leibeswesens, das des Menschen Kern um hüllt, Vernichtung ist er auch dessen, was als Wahrheit Die Hülle mit ihren Sinnen je ersinnen kann. Und wenn dereinst der Mensch erscheinen wird, Der echte Bilder bringt von dem, Was hinter des Todes Schwelle liegt, Dann wird es nicht durch Harmonie Mit allem, was Vernunftgesetz empfiehlt, Des Geistesreiches Wirklichkeit vor die Seele stellen, Es wird durch seinen Widerstreit Mit allem Zeitlichen, das ewige Wesen Im Herzen zum Leben ausgebären. Ihr wähnt euch die Boten einer höhern Welt; Empfangen wollt ihr haben von alten Zeiten her Ein Wissen von der Wesen Urgestalten. Indem ihr es den Zeichen anvertraut, Die aus dem Zeitenreiche stammen, Habt ihr es schon vermählt mit Wahn und Wahneswesen. Ihr seid ins Reich der Täuschung eingetreten Und habt des Seins echtes Wesen, Das euch vererbt einst ward, Zum Zerrbild mehr noch umgebildet Als jene dumpfen Menschenseelen, Denen ihr als Führer leuchten wollt. Wenn mir der Wahn zur rechten Stunde Von der irrenden Seele gewichen wäre, Ich hätte wohl die Kraft gefunden, In alle Welt hinauszurufen: 0 meidet, o Menschen, den Irrtum, Der mit gleißnerischen Künsten Sich in eure Seelen schleicht. — Bevor ichs konnte, ward mir Kunde, Daß Euer Schutz mit meiner Botschaft ist. Ich eilte zu der Freundin, Die am besten erkennen mußte, Wie ich mich finden soll in das grausam Harte, Daß euer Weisheitslicht den hellen Schein über mein Blendwerk breiten will. Mit Weisheitworten tief gegründet Begegnete die edle Freundin mir, Doch finstrer nur ergriff mich Gewißheit, daß ich mich getäuscht, Und da es meiner bösen Kunst gelungen, Auch euch zu täuschen, daß In aller weiten Welt die Wahrheitsäulen Auf morschem Grunde stehen. Der Zwang, der mich hier treibt, Euch frei zu sagen, daß auch ihr In Finsternis nur wandeln könnt', Er nimmt dem Menschen mehr Als Geistessphären je ihm geben können.