5. Friedrich Nietzsches Persönlichkeit und die Psycho-Pathologie

GA 5/l05/p016 · original (original)

Man wird über manche Ausführungen Nietzsches erst volle Klarheit gewinnen, wenn man die Tatsache, dass seine philosophischen Gedanken auf Selbstbeobachtung beruhen, zusammenhält mit der andern, dass dieses Selbst kein in sich harmonisches, sondern ein in sich zersplittertes war. Diese Zersplitterung brachte er auch in seine Welterklärung. Im Hinblicke auf sich konnte er sagen: «Müssen wir es uns nicht eingestehn, wir Künstler, dass es eine unheimliche Verschiedenheit in uns gibt, dass unser Geschmack und andrerseits unsre schöpferische Kraft auf eine wunderliche Weise für sich stehn, für sich stehn bleiben und ein Wachstum für sich haben, — ich will sagen, ganz verschiedene Grade und Tempi von alt, jung, reif, mürbe, faul? So dass zum Beispiel ein Musiker zeitlebens Dinge schaffen könnte, die dem, was sein verwöhntes Zuhörer-Ohr, Zuhörer-Herz schätzt, schmeckt, vorzieht, widersprechen: — er brauchte noch nicht einmal um diesen Widerspruch zu wissen!» (Werke, Band V, S.323.) Dies ist eine Erklärung der Künstlernatur nach Nietzsches eigener Wesenheit gebildet. Ein ähnliches begegnet uns bei ihm in allen seinen Schriften.

Read this passage in another edition
DEoriginalENRSPI1960
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/5/l05/p016.json
Cite: GA 5/l05/p016 · edition original