Der Ursprung des Leides

GA 55/1906-11-08_02/p006 ·1906-11-08 · original (original)
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Wie ein Störenfried erscheint das Leid mitten im fröhlichen Leben, es erscheint als eine Herabminderung von Lebenlust und Lebenshoffnung. Gerade diejenigen, welche den Wert des Lebens in der Lebensfreudigkeit suchen, welche nur für die Lebensfreudigkeit da zu sein scheinen, haben diesen Störenfried, Leid und Schmerz, am meisten empfunden. Wie wäre es sonst erklärbar, daß bei einem so lebensfrohen, so in Lebensfreudigkeit aufgehenden Volke, wie es die Griechen waren, ein Ausspruch wie ein dunkler Punkt am Sternenhimmel der Schönheit des Griechentums auftaucht, der Ausspruch des weisen Silen im Gefolge des Dionysos: Was ist für den Menschen das Beste? Das Beste für den Menschen ist, nicht geboren zu sein, und ist er einmal geboren, so ist das Zweitbeste, bald nach der Geburt zu sterben. — Vielleicht wissen Sie, daß Friedrich Nietzsche, als er die Geburt der Tragödie aus dem Geiste des alten Griechentums zu begreifen suchte, an diesen Spruch anknüpfte, um zu zeigen, wie auf dem Grunde griechischer Lebensweisheit und griechischer Kunst das Leid und die Betrübnis des Menschen über das Leid und über das, was damit zusammenhängt, eine bedeutungsvolle Rolle spielt.

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