Wie begreift man Krankheit und Tod?

GA 55/1906-12-13/p007 ·1906-12-13 · original (original)
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Es schaute der Eingeweihte des Alten und Neuen Testamentes hinunter ins Reich der Tiere und sah, wie alles dahin strebt, daß einmal eine freie Persönlichkeit zustande kommen kann, die aus sich selbst heraus die Antriebe und Impulse zum Handeln haben kann, und wie mit dem Wesen einer solchen Persönlichkeit das verbunden ist, was man die Möglichkeit einer egoistischen, selbstsüchtigen Handlung nennt. Nun aber würde ein Denker wie Paulus sagen: Wenn in einem Leibe eine solche Persönlichkeit wohnt, die egoistisch zu handeln imstande ist, so muß dieser Leib sterblich sein. In einem unsterblichen Leibe würde niemals eine Seele mit Selbständigkeit, Selbstbewußtsein und folglich auch mit Egoismus wohnen können. Daher gehören zusammen: ein sterblicher Leib und eine Seele mit Persönlichkeitsbewußtsein und die einseitige Ausbildung der Persönlichkeit zu Handlungsimpulsen. Das heißt die Bibel «Sünde», und so definiert Paulus: «Der Tod ist der Sünde Sold». Da sehen Sie allerdings, daß wir diesen, wie jeden anderen Ausspruch der Bibel modifizieren müssen, weil sie im Laufe der Jahrhunderte ganz in ihr Gegenteil umgekehrt worden sind. Modifiziert man sie, nicht indem man sie umdeutet, sondern indem man sich klarmacht, daß man den gegenwärtigen Sinn, den die Theologie gibt, in den ursprünglichen verwandelt, so sieht man daraus, daß man es oftmals mit einer sehr tiefen Auffassung der Sache zu tun hatte, die dem gar nicht so fernsteht, was man heute wieder begreifen kann. Dies zur notwendigen Richtigstellung.

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