Nietzsche im Lichte der Geisteswissenschaft
So ungefähr war Nietzsche bis zum Jahre 1876. SeineEntwickelung war so, daß er fern stand dem, was in der Welt vorging. Die leichte Beweglichkeit seines Ätherleibes bewirkte das. Und 1876, als Wagner auf dem Gipfel seines Schaffens war und in der Außenwelt verwirklicht hatte, was in seiner Seele lebte, da stand es um Nietzsche so, daß er gewahr wurde: Was dir entgegentritt, das entspricht nicht dem Bilde, das in dir gelebt hat. — Einfach aus dem Grunde konnte es nicht entsprechen dem Bilde, das in ihm lebte, weil er etwas wie eine Mauer hatte gegenüber den Anforderungen der äußeren Realitäten. Er konnte im Äußeren nicht wiedererkennen das, was er sich im Innern an Vorstellungen gebildet hatte. Da wurde Nietzsche irre. An was wurde er irre? An Wagner? Eigentlich nicht. An Richard Wagner ist er nie irre geworden, denn er hat ja den objektiven Richard Wagner gar nicht gekannt. Er ist irre geworden an seinem eigenen Bild, das er sich von Wagner gemacht hatte. Nietzsche wurde nun gleich irre an der ganzen Perspektive, die ihn zu Wagner hingeführt hatte. Er wurde irre an allem Idealismus. Es gingen ihm mit dem idealistischen Wagner verloren alle Ideale, die die Menschheit überhaupt ausspinnen kann. So entstand in ihm das Gefühl: der Idealismus und alles Nachsinnen über das Geistige ist Lüge, Unwahrheit, Illusion. Die Menschen haben sich getäuscht über dasjenige, was real und wirklich ist, indem sie sich Bilder gemacht haben über das Wirkliche. Nietzsche fing an zu leiden an sich selber.