Hermes

GA 60/1911-02-16/p029 ·1911-02-16 · original (original)
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So blickte der alte Ägypter selbst für seine Chronologie als von seiner menschlichen schwachen Kraft aus, die an den Verstand gebunden ist, zu den geistigen Kräften und Wesenheiten auf, die im Verborgenen leben und nach tieferen Gesetzen dasjenige korrigieren, beschützen und bewachen, was die Menschen auf der Erde zu durchleben haben. Und als denjenigen, der von diesen wachsamen Himmelskräften inspiriert wurde, verehrte der alte Ägypter seinen Thoth, seinen Hermes. Daher war diese Individualität für die Seele des alten Ägypters nicht etwa bloß ein großer Lehrer, sondern eine solche Wesenheit, zu der er mit tiefsten Dankgefühlen, tiefster Verehrung hinaufblickte, indem er sich sagte: Alles, was ich habe, habe ich von dir. Du stehst oben in einer altersgrauen Zeit und schicktest durch die, welche die Träger deiner Überlieferungen waren, das herunter, was in die äußere Menschenkultur einfließt und den Menschen zur größten Wohltat wird. Dadurch fühlte sich die Seele des alten Ägypters — sowohl in bezug auf den eigentlichen Urheber der Kräfte wie in bezug auf den Hüter derselben, sowohl für Osiris wie für Hermes oder Thorh — nicht bloß durchzogen von einem Wissen, das in Weisheit beschlossen war, sondern von einem Gefühl, das im tiefsten Sinne ein moralisches war, das ein in tiefste Verehrung, Dankbarkeit gehülltes Gefühl war. Daher zeigen uns die alten Schilderungen, daß alles, was die Ägypter an Weisheit hatten, besonders in den alten Zeiten, später dann immer weniger und weniger, durchzogen war mit einem religiösen Charakter. Es war sogar alles menschliche Wissen mit einem heiligen Gefühl, alle Weisheit stets mit Frömmigkeit, alle Wissenschaft mit Religion verbunden im Sinne der alten Ägypter. Das alles zeigte sich in den späteren Zeiten mehr oder weniger nicht mehr in seiner reinen Gestalt. Denn so wahr es ist, daß die einzelnen Völker in den aufeinanderfolgenden Epochen die Mission haben, das allgemeine Geistige in speziellen Gestalten zur Ausgestaltung zu bringen, so wahr ist es, daß die einzelnen Kulturen, wenn sie ihre Höhe erreicht haben, einer Dekadenz entgegengehen. Und das meiste sogar, was aus der altägyptischen Kultur erhalten ist, stammt schon aus der Verfallszeit, und es kann nur geahnt werden, was dahintersteckt: was uns zum Beispiel an den Pyramiden merkwürdig anmutet, oder was mit dem grotesk erscheinenden Tierdienst gemeint ist. Denn da sagten sich die Ägypter: Der Zeit, in welcher die Weisheit gewirkt hat — nicht in der Zeit, in welcher sie dieselbe überkommen hatten — geht eine andere voran, wo alle Wesen, nicht nur der Mensch, aus göttlich-geistigen Höhen heruntergestiegen sind. Wenn wir des Menschen Innerstes kennenlernen wollen, dürfen wir nicht auf seine äußere Gestalt sehen, sondern da müssen wir hineindringen in das Innere. Was uns außen entgegentritt, sind wie stehengebliebene Stufen der Uroffenbarung. Das zeigt sich wie verdichtet in mächtigen Bildern alter Gesetzmäßigkeit in den drei Reichen der Natur; zunächst in der Welt der Gesteine. Was sich uns da zeigt, sind Gestaltverhältnisse, die wir wieder zum Ausdruck bringen in der Pyramide. Was wir sehen in den Pflanzen an inneren Kräften, das ist etwas, was wir wieder ausgedrückt sehen in der Lotusblume. Und endlich auf dem Wege zum Menschen sehen wir, wie kristallisiert, wie nicht bis zum Menschen heraufgelangt göttliche Kräfte in äußere Formen gegossen, herumgestreut in den einzelnen Tiergestalten.

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Cite: GA 60/1911-02-16/p029 · edition original