13. Die Moral im Lichte der Geistesforschung

GA 62/1913-04-03/p007 ·1913-04-03 · original (original)
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Daß Moral predigen leicht ist, merkt man ja gleich, sobald man in das menschliche Leben nur ein wenig hineinschaut. Denn es wird wohl kaum etwas anderes so viel in diesem menschlichen Leben gepredigt, als Moral. Es wird über nichts so viel geurteilt als über den moralischen Wert oder Unwert der Seele. Und wenn man dieses menschliche Leben gründlich betrachtet, so muß man wieder sagen: Wie wenig sind doch die eigentlichen Moralpredigten geeignet, wirklich in die Seelen hineinzugreifen, so daß sie diese Seelen so erfassen würden, daß die Moralgrundsätze, die der eine oder andere meint, selbst wenn sie klar eingesehen werden, auch wirkliche moralische Impulse in den Seelen sein können! — Ja, wie leicht kann sich mancher selber Moral predigen, dem es ganz und gar schwer wird, wirklich moralischen Impulsen zu folgen. Schopenhauer meint, alles, was man an Grundsätzen, an moralischen Formeln oder an moralischen Vorschriften predigen kann, sei eigentlich nicht bedeutungsvoll. Bedeutungsvoll ist in seinem Sinne nur, wenn man in der menschlichen Seele eine Seelenkraft, einen seelischen Impuls aufweisen kann, der eben als eine Wirklichkeit in der Seele ist und aus dem heraus moralisches Handeln entspringt. Dann würde man sagen können, man habe auf etwas in der menschlichen Seele hingewiesen, was, wenn man es nur sich selber überläßt, zu einem moralischen Handeln hindrängt; dann habe man den Grund des moralischen Handelns in der Seele gefunden. Dann habe man Moral begründet, weil man den wirklichen Impuls in der Seele klargelegt habe. Dann habe man nicht bloß Moral gepredigt.

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