6. Geist-Erkenntnis in glücklichen und ernsten Stunden des Lebens
In einigen kurzen Strichen versuchte ich zu zeigen, daß die Geisteswissenschaft wie ein wirkliches Lebenselixier der Seele werden kann. Und wer da den Gang des deutschen Geisteslebens verfolgt, kann durch die innere Natur und Wesenheit dieses Geisteslebens selber erkennen, daß dieses Geistesleben eine Vorbereitung ist, um zur Anerkennung einer wirklichen, lebendigen Geisteswissenschaft zu kommen. Es ist das, was gestern als germanische Seelenhaftigkeit, als deutsches Geistesleben dargestellt worden ist, gleichsam ein Turnier der geistigen Kräfte, um zu demjenigen hinzukommen, was noch errungen werden kann — was insbesondere dadurch errungen werden kann, daß die ganze Volksseele sich gestärkt hat, indem sie zuerst danach gestrebt hat, solche Erkenntnisse, Vorstellungen und Ideen zu gewinnen, von denen gestern gesprochen worden ist. Eine Stärkung zu einem neuen Leben war dies alles. Aber im Leben steht alles in einem lebendigen inneren Zusammenhang. Daher darf der Glaube als berechtigt angesehen werden, daß dasjenige, was als eine vorbereitende, zum Leben stärkende Geist-Erkenntnis im deutschen Geistesleben hervorgetreten ist, was da an die Seele ausbildenden Kräften sich gezeigt hat, daß es nicht nur etwa in deutscher Philosophie und Literatur lebt, sondern daß es lebt in den innersten Wurzeln der deutschen Volkskraft. Das ist ja das Eigenartige der deutschen Volkskraft, daß sie uns, wo wir die deutsche Kunst, die deutsche Literatur, die deutsche Philosophie verfolgen, niemals so erscheint, als ob sie nur ein Schaum an der Oberfläche des Lebens wäre, sondern wie wenn sie immer wieder aus den Untergründen, aus den Bodenständen des Lebens hervordringen würde. Wir können auf die feinsten Leistungen des deutschen Geisteslebens blicken, wie es uns zum Beispiel in verfeinerter Weise bei Novalis entgegentritt, wir werden immer finden: Es geht ein Strom von diesem verfeinerten Leben hinunter bis in die Wurzeln des Volkstums. Hegelsche Philosophie ist gewiß für die meisten Menschen eine Geistesübung, die sie fliehen, weil es schwierig ist, sich in die kristallklaren, kristallkalten Gedankengänge hineinzufinden; aber so kristallklar und kristallkalt diese Gedankengänge auch sind, es gibt einen Weg von dem, was so abstrakt erscheint, bis hinunter zu den Wurzeln des Volkstums, aus dem jene Kräfte fließen, die im Osten und Westen unsere Hoffnung ausmachen auf eine völlige Rettung der deutschen Existenz gegen die anstürmenden Feinde. In einem lebendigen Organismus — und ein solcher lebendiger Organismus ist das, was wir als deutsches Geisteswesen bezeichnen —, gehört alles zusammen. Und wenn gesagt wird, daß auch andere Völker jetzt einig sind, so muß immer betont werden, was schon früher öfter hier betont worden ist: Was uns oft als dasselbe auf den verschiedenen Gebieten des Daseins entgegentritt, ist nicht immer dasselbe. In demjenigen, worauf wir hoffen, im deutschen Wesen, was das deutsche Wesen jetzt eint und stärkt und zu selbstlosem Tun aufruft, in dem lebt — wenn auch noch unbewußt — jene Kraft, die hervorsprudeln soll in dem lebenweckenden und lebenfördernden Geist-Erkennen; und weil diese Kraft darin lebt, unbewußt, ahnungsvoll, so haucht sie jetzt den Zauberhauch der Einheit in der Tat des deutschen Volkes aus. Daher dürfen wir hoffen, daß diese Einheit in der Tat das zeitigen werde, wohin in seiner Keimeskraft der deutsche Geist will. Und nichts anderes ist es, wohin der deutsche Geist will, als in Einheit erkennen physische und geistige Welt, in Einheit erkennen und in Einheit ordnen aus der Geist-Erkenntnis heraus alles Leben, der geistigen Welt wie der physischen Welt.