38. Die Ideale der Menschheit und die Ideale der Eingeweihten
Einer derjenigen, welche den Begriff des Ideals am schönsten erfasst haben, ist Johann Gottlieb Fichte. Er hat einmal in einer Gruppe von jungen Leuten gesagt: Dass Ideale nicht unmittelbar anzuwenden sind im wirklichen Leben, das wissen wir andern auch, wenn nicht sogar besser. Jene andern aber, welche das Gefühl dafür nicht haben, sie mögen vorläufig warten. Ideale kann man nicht wie Essen und Trinken anwenden alle Tage; aber für den Idealisten sind die Ideale die großen wirksamen Kräfte des Menschenlebens, jene Kräfte, die er herunterholt aus den unsichtbaren Reichen, um sie einzuführen in die sichtbare Welt. Zwar können die kleinen, unwichtigen Erscheinungen des äußeren Lebens ohne bedeutsame Ideale erlebt werden, aber die großen Fortschritte der Menschheit sind nur von denjenigen zustande gekommen, welche fähig werden, sich vom Reiche der Wirklichkeit zu erheben in das Reich der Ideale. Nicht diejenigen, die sich praktisch dünken, sind die eigentlichen Fortschrittsmenschen, sondern diejenigen, auf welche der Alltagsmensch herunterschaut als Idealisten.
Cite:
GA 68b/1906-01-16/p004 · edition original