43. Blut ist ein Ganz Besondrer Saft
Es gibt ganze Bibliotheken, die Faust erläutern, und auch dieser Ausspruch hat unendlich viele Erklärungen gefunden. Eine der Letzteren ist die höchst merkwürdige des Professors Minor aus Wien, welche lautet: Mephisto, der Sendbote der Hölle, kann Blut nicht leiden, er hasst es, deshalb verlangt er die Unterschrift mit Blut. Es mag Gelehrsamkeit in der Erklärung stecken, aber Vernunft steckt nicht darin. Mephistopheles würde die Unterschrift nicht in einem ihm verhassten Stoff verlangen. Im Gegenteil, Mephistopheles legt ganz besonderen Wert aufs Blut. Dieser Stoff hat schon eine lange Sagenentwicklung durchgemacht. Im sechzehnten [siebzehnten] Jahrhundert schon finden wir im Pfitzer’schen Faustbuch, dass Faust sich dem Teufel verschreibt mit Blut, und in älteren Gestaltungen dieser Sage wird genau beschrieben, wie die Ader an der linken Hand geöffnet wird, das Blut herausrinnt, gerinnt und im Gerinnen die Buchstaben bildet: «Oh Mensch, entfliehe!»
Cite:
GA 68b/1907-01-11/p004 · edition original