49. Die praktische Ausbildung des Denkens
Am besten kann man sich das an Beispielen klarmachen, von denen manche schon hier erwähnt worden sind. Wir wollen uns heute vor die Seele rücken eines dieser Beispiele, um daran die gewöhnliche Lebenspraxis uns vorzuhalten. Wer wird es heute nicht praktisch finden, dass man nicht mit jedem Briefe zum Postschalter gehen muss und dass ein riesiges Buch aufgeschlagen werden muss, um da nachzuscehen, wie weit der Ort liegt, an den der Brief gerichtet ist, und dann danach bestimmt werden muss, bei halben Pfennigen, wie viel man als Porto zu entrichten hat? In den wenigen Fällen, wo man das heute tun muss, kann man schon lernen, wie praktisch es ist, dass man das hat, was man das sogenannte Pfennigporto nennt, die Einheitsmarke, selbst für weite Entfernungen. Das hat es noch nicht gegeben vor ungefähr achtzig Jahren. In den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war es noch so, dass man mit einem Briefe zum Postschalter gehen musste und viele Umstände hatte. Kein Postpraktiker war es, der diese Einheitsmarke erfunden hat, sondern der Engländer Hill, der nicht vom «praktischen» Leben war. Er hat zuerst gesagt, welche Vorteile es haben würde, wenn man das Pfennigporto einführen würde. Das ist kein Märchen. Sie können es nachlesen in den Akten des englischen Parlaments. Derjenige, der der Praktiker war, der hat gesagt: Ach, was der Hill da ausrechnet, glaube ich ihm nicht; denn solch eine Einrichtung kann sicher unseren Verkehr nicht so heben, wie er angibt. Und selbst wenn es wahr wäre, dann müsste man dagegen sein, denn dann müsste man das Postgebäude dreimal so groß machen, als es ist. — Das war der Praktiker, während der Unpraktiker gerade diese weltumwälzende Entdeckung des Pfennigportos gemacht hat.
Cite:
GA 68b/1909-02-13/p013 · edition original