49. Die praktische Ausbildung des Denkens
Wir werden diese drei Stufen der praktischen Gedankenausbildung sogleich uns vor die Seele führen. Wir müssen aber vorher die Grundbedingung, die man als Gesinnung braucht, wenn man daran denken will, die richtige Stellung zum Denken zu gewinnen, uns vor Augen führen. Ich habe das Bild schon gebraucht. Niemand sollte glauben, Wasser schöpfen zu können aus einem Glase, in dem keines ist. Diejenigen, die heute über das Denken denken, denken nach diesem Muster. Sie denken nämlich, dass sie Gedanken aus einer Welt gewinnen können, in der keine darinnen sind. Das allein gibt die Möglichkeit, dass unsere, in unserer Seele aufleuchtenden Gedanken und Begriffe und Vorstellungen etwas bedeuten, dass sie nicht etrwas Wesenloses sind, sondern dass die Welt nach den Gedanken, die wir in ihr finden, wirklich erst aufgebaut ist. Nur eine Welt, die aus den Gedanken entsprungen ist, die wir finden, ist berechtigt durch Gedanken gedacht zu werden. Derjenige, der eine Uhr ansieht, wird leicht einsehen, dass die Gedanken, die darinnen liegen, der Uhrmacher gehabt hat. Nur wer über die Welt nachdenkt, möchte glauben, dass die Welt nach Gedanken geordnet ist, die erst hinterher vom Menschen ersonnen werden. Er möchte bloß Gedanken gelten lassen, die sich die Seele bildet, und möchte nicht glauben, dass da die Dinge erst gebildet sind nach den Gedanken, die sich der Mensch zuletzt bildet.
Cite:
GA 68b/1909-02-13/p021 · edition original