49. Die praktische Ausbildung des Denkens
Es ist sehr nützlich, sich zunächst, wenn man eine Frage zu beantworten, eine Aufgabe zu lösen hat, sich vorzuhalten die verschiedenen Arten, wie man sie auflösen kann, und dann die Sache ruhen zu lassen, überhaupt sich zu sagen: Jetzt lässt du das ruhen. Man muss da nämlich einen Glauben haben, der sehr wichtig ist für die Praxis, den Glauben, dass man in sich etwas hat, eine Art höheren Menschen, der noch besser denken kann, als man denkt, wenn man selbst dabei ist. Man braucht nicht so egoistisch zu sein, dass man überall dabei sein will, was in der Seele vorgeht, und zu glauben, man weiß das Allerbeste. Wer an die reale Gültigkeit des Denkens glaubt und zu ihr Vertrauen hat, wird sich sagen: meine Gedanken werden durch ihre eigenen Kräfte am schönsten sachlich vorwärtskommen, wenn ich selber gar nicht dabei bin, wenn ich mich ausschalte und an anderes gehe, und morgen oder übermorgen mir das alles wieder vorlege. Da wird man bemerken, dass man, wenn man nicht dabei gewesen ist, über diese Frage viel gescheiter geworden ist. Die Denkmöglichkeiten arbeiten dann in einem, und man kommt zu einer Entscheidung in viel günstigerem Sinne. Das ist von ungeheurer Bedeutung. Und wenn man glaubt, die Selbstlosigkeit hat ein zweites Mal es noch nicht zur Entscheidung kommen lassen, dann ist es von ungeheurer erzieherischer Bedeutung, wenn man noch mal zuwartet. Und man wird sehr bald bemerken, wie das Denken klarer und schlagfertiger wird. Man wird viel leichter, wenn man das Denken also geschult hat, rasch die Dinge zusammendenken können.
Cite:
GA 68b/1909-02-13/p052 · edition original