53. Der menschliche Charakter
Diese Schilderung scheitert vor dem Überblick des Kunstwerkes. Schon in einem Abguss lässt es sich sehen. Wenn man das Auge so beurteilen will, so scheitert dies daran, dass das Auge nach oben gerichtet ist, und der Laokoon keinen seiner Söhne sieht. [Das Mitleid mit den Söhnen ist] nicht zu sehen, da Winckelmann [es] hineingedichtet hat. Doch zeigt sich diese Gruppe vom Lichte des Verständnisses durchleuchtet, wenn man sieht, was da ist, und sich klar darüber ist: Dieser Laokoon mit dem eingezogenen Unterleib, mit der heraustretenden Brust, mit den nach oben gerichteten umflorten Augen, den sich sträubenden Haaren —- wenn wir das alles sehen, so ist uns klar, da ist die Wirkung des Menschen nicht mehr überwunden von dem Ich-Bewusstsein, sondern wir stehen vor dem Momente, wo dieses Ich-Bewusstsein geschwunden ist. Eben ist das Ich herausgefahren, und in diesem Augenblicke folgt er nicht mehr der Wirkung des Ich, das die starken Zügel in Bezug auf die Äußerungen des Seelenlebens halten würde. Einzelne Glieder gehen ihre eigenen Wege. Natur ... [Der Schmerz] zieht den Unterleib ein, der Oberleib ist heraustretend, andere Glieder gehen ihre eigenen Wege; alles wird auseinandergerissen. Durch die Entseelung, die eben eingetreten ist, zeigt sich, was der Mensch ist, wenn wirklich das Ich unterdrückt wird und die einzelnen kräftigen Glieder in letztem Aufzucken ihre eigenen Wege gehen.
Cite:
GA 68b/1909-10-29/p031 · edition original