XXIX. Das Wesen des Egoismus (Goethes «Wilhelm Meister»)
Die «Lehrjahre» sind vollendet worden unter Schillers Kritik. Die «Wanderjahre» sind unter eigentümlichen Umständen entstanden. Es stellte sich nämlich heraus, dass der Setzer schneller druckte, als Goethe schreiben konnte; und anfangs [half er] nach [mit Sachen, die er früher geschrieben hatte: Der heilige Joseph, Mann von 50 Jahren, Melusine und andere]. Zuletzt kam er nicht nach, gab es Eckermann zum Überarbeiten. So kamen die «Wanderjahre» zustande. Aber es kommt dabei in Betracht, dass alles, was Goethe schrieb, voll von höchster Lebensweisheit ist [und es ist ein gedrängter Auszug seiner eigenen Entwicklung]. Jedes bedeutet eine Etappe seiner eigenen Entwicklung, ist eine Werdestufe Goethe’scher Entwicklung. So verfließt dann das Leben wie eine Komposition, wenn es nur in richtiger Weise aufgenommen wird und wirken kann auf die Individualität. Da ist manches hervorgegangen aus Goethes Werdegang. Nehmen wir die «Pädagogische Provinz»: Die Jungen haben drei Gebärden. [Zeichen der] Einsicht in die Wirkung der Symbole. [Es sind drei religiöse Stufen.] Das Beste aus den drei religiösen Kategorien: [Eine Gebärde nach oben, nach unten, nach seinesgleichen versinnbildlichen reale Ehrfurcht vor dem Höchsten, vor denen, die unter uns stehen, und vor unseresgleichen.] Nach oben nennt Goethe die erste Ehrfurchtsrichtung, die zweite zu seinesgleichen, dann die Ehrfurcht nach unten. Auch was unter uns ist, ist gottentstanden. Dann haben wir die Ehrfurcht [vor] der Religion, weil die Gottheit heruntergestiegen ist. Indem der [Schüler] sich hineinlebt in das, was die Gebärde zeigt, soll die Gebärde sich hineinziehen in seine Seele. Die Jungen sind verschieden bekleidet. Warum? Um die Individualität zu bilden, sollen sie sich selber die Farben wählen.
Cite:
GA 68c/1909-11-28/p018 · edition original