8. Die Erziehung des Kindes vom Standpunkte der Geisteswissenschaft
In dieser Beziehung liegt bei der jetzigen materialistischen Vorstellungsweise viel im Argen. Man muss da zwei Dinge vergleichen. Bis zum siebenten Jahre werden nur die physischen Organe ausgebildet, dann der Charakter und das Temperament; und wir haben gesehen, wie die Erziehung Leben weckend oder Leben verkümmernd wirken kann. Ein an Leib und Seele gesundes Kind wird immer ein Spielzeug vorziehen, das es sich selbst geschaffen hat, keine noch so schöne komplizierte fertige Sache. Seine Lappenpuppe, die durch Tintenkleckse Augen, Nase und Mund erhalten hat, wird ihm ein lieberes Spielzeug sein als die schönste gekaufte Puppe. Warum? Weil das Kind, wenn es seine geliebte Lappenpuppe ansieht, etwas tun muss, weil es in sich ergänzen muss durch seine Phantasie und Vorstellungskraft, was es vor sich hat. Die Vorstellungskraft muss arbeiten, sonst verkümmert sie.
Cite:
GA 68d/1907-01-10/p029 · edition original