II. Christus und das zwanzigste Jahrhundert
Nun, mit Leichtigkeit ergaben sich Widersprüche, als man in den vier Urkunden, [den Evangelien], Aufschluss suchte und Unterschiedliches fand. Es ist wirklich kinderleicht nachzuweisen, dass sie [in vielem] nicht übereinstimmen. [Und man fragt sich:] Hat man das denn früher nicht bemerkt? Den Vorfahren mutet man leicht jede Torheit zu, [man tut so,] als ob sie die Evangelien nie gelesen hätten. So ist Jesus von Nazareth immer mehr zerflattert, [für viele in der modernen Zeit] ist er nur noch ein besonders guter Mensch. Das ist schmeichelhaft für den modernen Menschen; [für ihn] ist Jesus von Nazareth ein Mensch wie alle anderen, nur etwas höher: [wie] Plato, Sokrates. So wurde Jesus zum «schlichten Mann von Nazareth». Je einfacher, je allgemeiner [sein Bild wurde], desto lieber, desto mehr glaubte man, dass es der historischen Wahrheit entspreche. Das heißt [man] «vorurteilslose Forschung». Objektiv wird da nur, was man eben [scheinbar] als objektiv erkennt. Die größten Theologen meinten, man müsse vorurteilslos herangehen, nichts für wahr annehmen, aber [was tun sie?] Sie gehen hin und streichen einfach [was ihnen in den Evangelien nicht einsichtig ist]. Daher [kommt dann] die Frage: «Hat Jesus gelebt?» Kein anderes Ergebnis war [einer solchen Denkweise] möglich. Äußerlich, historisch, ist die Existenz des Jesus nicht beweisbar. [Professor] Drews cum suis hat durchaus Recht mit der Art, wie er es vorbringt. [Er ist nämlich in seinem Denken konsequent]. Alles andere wäre wie ein Zappeln um etwas, was man doch nicht beweisen kann.
Cite:
GA 69c/1912-02-22/p011 · edition original