18. Der Ursprung des Bösen und des Übels im Lichte der Geisteswissenschaft
Wodurch gelangen wir als Mensch zum Bewusstsein? Wenn der Mensch schläft, so besitzt er unter den gewöhnlichen Verhältnissen kein Bewusstsein; erst wenn er aufwacht und unter der ihm bekannten Weise überall mit der Welt zusammenstößt, tritt das normale Bewusstsein auf, sein Selbst-Bewusstsein, an dem, was sich der Seele entgegenstellt. Diese Art, sich an seinen Gegenständen zu stoßen, erblickt Jakob Böhme schon im göttlichen Urdasein der Welt, indem er dieses aus dem dunklen Dasein des Ungrundes hervorgehen lässt; damals konnte sich das göttliche Bewusstsein, so meint er, nur an seinem Gegensatze entzünden, wie bei dem Menschen am Materiellen. Der göttliche Urgrund entstieg nach Böhme dem vorgöttlichen Ungrunde, und also mit jenem dann auch das Gute und das Böse. Jakob Böhme kommt mit dieser Anschauung weiter als die bloße philosophische Erklärung. Die Dunkelheit ist vorhanden, ohne dass sie eine Erklärung nötig hätte, es bedarf vielmehr das Licht der Erklärung; so lässt denn Böhme, wie auch Schelling, aus dem dunklen Ungrunde der Welt, den sie von dem göttlich-geistigen Dasein durchwallt sehen, die Wirkungen hervorgehen, die unter dem Tun des Göttlichen in das Urgründliche hineingeworfen werden. Merkwürdig ist es, dass Jakob Böhme das Böse positiv erkennt und es nicht in der äußeren Sinneswelt, sondern begründet in den Untergründen des Daseins sieht, weil jedes Göttliche sich und die Welt aus dem Ungrunde erheben muss.
Cite:
GA 69d/1914-03-29/p008 · edition original