1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Bei Schelling finden wir, wie ihm die ganze äußere Natur etwas wird - ich möchte sagen —, was so vor seiner Seele steht, wie die Physiognomie des Menschen vor unserer Seele steht. Wir nehmen sie nicht bloß hin, indem wir einzelne Linien beschreiben, indem wir ihren Ausdruck charakterisieren, sondern wir nehmen sie so, dass wir die durch sie hindurch sprechende Seele in ihr wahrnehmen, in ihrer Innerlichkeit auf uns wirken lassen, was als das Seelenhafte hinter der Physiognomie ist. So wird das, was in der Natur, in ihrer wunderbar tiefen Geschlossenheit vor dem Menschen ausgebreitet ist, die große Physiognomie der Weltseele, die Schelling zu entziffern versuchte. Allein weil er im strengsten Sinne des Wortes darauf ausgeht, überall zu schaffen: Indem er die Natur genießt, und beobachtet, kann er eben nur so viel schaffen, als nach dem Charakter seiner Zeit - ich möchte sagen - von der Natur schon enthüllt war. Diesen allgemeinen Charakter des menschlichen Seelenschaffens, insofern das Seelenhafte ein Abbild des Naturschaffens ist, den enthüllt Schelling. Aber während der Mensch zur Natur so steht, dass all seine Vertiefung seines Seelenlebens ihm nicht ersetzen kann das unmittelbare Erleben, das liebevolle Eingehen auf die Erscheinungen, sofern man sie beobachten kann, glaubt Schelling, aus dem Innern heraus mehr schaffen zu können über die Natur als die bloße Anlage für die Beobachtung. Wiederum erfasst er in Einseitigkeit mit dem Fehler einer großen SeelenTugend eine Nuance des Weltbildes des Deutschen Idealismus!
Cite:
GA 70b/1915-11-25/p046 · edition original