1. Das Weltbild des deutschen Idealismus Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit
Aber wir sehen ja auch, wir wissen es ja, sehr verehrte Anwesende, wie diese drei Nuancen im Weltbild des Deutschen Idealismus innig zusammenhängen mit dem ganzen Geistesstreben des deutschen Volkes. Denn als eine Persönlichkeit heraus erschaffen wollte aus dieser Weltentwicklung des deutschen Volkes dasjenige, was tiefstes, innerstes und zu gleicher Zeit umfassendstes und lebendigstes Menschheitsstreben und geistiges Weltstreben dieses Volkes ist, als Goethe dies darstellen wollte, da stellte er dar - ich möchte sagen - die Zusammenfassung desjenigen, was mit stärkster Betonung der Einseitigkeit in Fichte, Schelling, Hegel zutage getreten ist, er stellt es in Zusammenfassung dar. Aber zu gleicher Zeit, indem er - ich möchte sagen - Gedanken aufbaut mit aller Innerlichkeit menschlichen Seelenwesens und mit allen Kräften des natürlichen Daseins - durchlebt in dem Bilde der menschlich strebenden Persönlichkeit selber - in dem Faust, [indem er diesen so charakterisiert, dass - so wie Goethe es] darstellt - die Allseitigkeit des menschlichen Seelenlichtstrebens nur hervorgehen konnte in der neueren Zeit aus [jener] Volkskultur, die im Mittelpunkt des Seelenlebens das Licht [sucht], während die anderen neueren Kulturen die einzelnen Farbennuancen der Seele suchen. Wir sehen, aber eben ins unmittelbar Lebendige, ins ganz Persönliche, ins Intimste und zu gleicher Zeit - ich möchte sagen - in das Alltäglichste umgesetzt die Ich-Natur des Menschen, wie sie selbstschöpferisch immer tätig ist, wie sie in jedem folgenden Augenblick eingreifen muss, um ihr Sein neuerdings zu schaffen, um sich umzuschaffen. Wir sehen das ausgeprägt -, nur in ganzer breiter Lebendigkeit und in voller Fülle - ich möchte sagen - das bloß Ideelle im Menschlichen verkörpert im Faust, in jenem Faust, dessen Wahlspruch ja ist: «Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!» In jenem Faust, der in der Tat uns so vorgeführt wird, dass er im Konkreten, im unmittelbar Elementarischen seiend das anstrebt, was Fichte als Theorie hinstellt. Sodass sich dieses Faust-Ich durch die ganze Fausthandlung hindurch fortwährend schafft, um im Schaffen immer mehr und mehr sein Ich nacheinander einzufügen anderen Sphären, anderen Feldern des Weltendaseins, um verwandt zu werden mit anderen Sphären, mit anderen Feldern des Weltendaseins.
Cite:
GA 70b/1915-11-25/p048 · edition original