4. Die ewigen Kräfte der Menschenseele im Lichte der Geisteswissenschaft
Soll ich die Sache genauer schildern, so müsste ich sagen: Der Mensch steht im gewöhnlichen Leben; er sieht ja nicht nur seine Umgebung, sondern er fühlt auch, dass in dem Raum, der von seiner Haut begrenzt ist, sich sein physisches Wesen ausdehnt. Im gewöhnlichen Leben fühlt er allerdings nur sehr dumpf dieses sein inneres Wesen. Er fühlt es weniger dumpf, wenn dieses physische Wesen von Schmerz durchzogen ist. Dasjenige, was der Mensch also wie die Durchfühlung seines physischen Menschen dumpf erlebt, das erlebt er auf eine neuerliche Weise. Er fühlt sich wie von innerlichen, geistig sich organisierenden Kräften ausgefüllt und - ich möchte sagen — durchpresst, er fühlt einen zweiten Menschen in dem Menschen. Und das, was er nun erlebt, es kann sich nur darstellen in der unmittelbaren Anschauung. Wirklich, wie auch derjenige, der nur spekulieren will, niemals herausbekommt, wenn er Wasser vor sich hat, dass das Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht, ohne dass das Experiment ausgeführt wird, ebenso wenig kann man, ohne dass dieses innerliche, intime, in Seelenvorgängen bestehende Experiment ausgeführt wird, vor sich haben gleichsam nebeneinander das, was man als Mensch auch schon vorher in sich fühlte und erlebte, und das, was jetzt durch das erkraftete Denken wie ein neuer, ein zweiter Mensch, den ersten ausfüllend, vor einem seelisch steht.
Cite:
GA 70b/1915-11-29/p019 · edition original