8. Die Harmonie zwischen Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft und die Missverständnisse über die erstere und den ihr gewidmeten Bau in Dornach
Nun kommt aber die Naturforschung weiter und sagt zum Beispiel: Ja, wenn Du aber nun Dein Denken entwickelst geistesforscherisch, wenn Du sagst, dieses Denken kann durch solche Übungen, wie sie vorgestern angeführt worden sind, dahin gebracht werden, in ganz anderer Art sich auszuleben, dann erlebt es eben etwas, was es vorher nicht erlebt hat -, wenn Du das sagst, dann gibst Du Dich eigentlich einer Selbsttäuschung hin; denn Du weißt eben nicht, wie viel Unbewusstsein im Seelenleben ist, wie viel Abhängigkeit im Seelenleben von bloßen - nun, sagen wir, wenn wir im Sinne der neueren Naturforschung sprechen - Nervendispositionen, von Leibesdispositionen, und wie viel eingetreten ist in diese Nervendispositionen, ohne dass es das Bewusstsein bemerkt hat, was aber jetzt heraufkommt, wenn man — wie der Naturforscher leicht meinen könnte - sein Denken so malträtiert, wie es vorgestern geschildert worden ist. Sodass der Naturforscher sagt: Ja, der Geistesforscher gibt sich einer Selbsttäuschung hin, einer reinen Illusion. Während er glaubt, etwas zu finden, was ihn aus seinem Leibe herausführe, was unabhängig von seinem Leibe ist, bringt er nur die unbewussten Dispositionen, die zahlreichen unbewussten Vorstellungsdispositionen in sein Bewusstsein herauf, und er hat eigentlich nur Lebens-, Wahrnehmungsvorgänge, und glaubt in naiver Weise, dass er, indem er sein unbewusstes Seelenleben heraufholt, irgendetwas Neues habe, das ihn hinausführe aus der ganzen Sinneswelt und in eine geistige Welt führe, während er in Wahrheit nur untertaucht in das Leibesleben, das er sonst nicht gekannt hat.
Cite:
GA 70b/1916-01-14/p017 · edition original