10. Das Weltbild des deutschen Idealismus. Eine Betrachtung im Hinblick auf unsere schicksaltragende Zeit

GA 70b/1916-02-19/p051 ·1916-02-19 · original (original)
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Ist für Fichte das göttliche Wesen etwas, das die Welt - ich möchte sagen - wie ein großes Moralisches webend und wirkend durchzieht, so ist für Schelling zunächst das göttliche Wesen der große Künstler, der aus dem Kunstweben seines eigenen Wesens heraus [sich] zuerst die Natur entgegenstellt, um in dem Spiegel der Natur seine eigene Wahrheit, sein eigenes Wesen und Wirken anzuschauen. Das Kunstwerk Gottes ist für Schelling die Natur. Keine Naturwissenschaft, die abstrakt verstandesmäßig wirken soll - eine Naturwissenschaft, die so wirkt, dass mit jeder Idee, die hervorgebracht wird über die Natur, die menschliche Seele sich zu gleicher Zeit fühlt verwandt mit der Natur. So fühlt aber Schelling diese Natur, dass er sagt: Jetzt trat der Mensch, jetzt traten andere beseelte Wesen in der Natur auf. Aber die ganze Natur ist dem vorangegangen gleichsam als das Unbewusste und Unterbewusste, das vorher vorhanden sein musste wie ein Knochengerüst. [Als] das ganze durchgeistigte Weltbild steht die Natur da; als das Vergangene und zugleich als der feste Boden für das gegenwärtige; als das Vergangene an Stoff, auf das sich der Geist stellen kann, der sein Dasein vorbereitet hat in dem Naturdasein. Und so wachsen Natur und Geist für Schelling zusammen, aber so zusammen, dass wirklich dasjenige, was aus Schelling heraus sich lebt als ein Weltbild des Deutschen Idealismus wiederum im Zusammenhang mit der gesamten Persönlichkeit, nicht bloß einseitig mit der Empfindungsseele, einseitig mit der Bewusstseinsseele, einseitig mit der Verstandesseele, sondern aus der ganze Fülle des seelischen Wesens heraus. Man möchte sagen: Dieser ganze Schelling war dabei.

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