Geisteswissenschaft, Natur: Wissenschaft, Technik Geisteswissenschaft, Naturwissenschaft, Technik

GA 73a/1920-06-17/p079 ·1920-06-17 · original (original)
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Habe ich Ihnen heute einen einzigen indischen Ausdruck gebraucht? Und wenn irgend etwas manchmal dadurch bezeichnet wird, daß man irgendeinen alten Ausdruck gebraucht, so ist das eben ein terminus technicus, den man deshalb gebraucht, weil im gegenwärtigen Sprachgebrauch ein solcher Ausdruck nicht vorhanden ist. Wenn ich auch den pythagoreischen Lehrsatz an der Tafel beweisen kann oder etwas anderes, ist einem deshalb vorzuwerfen, daß das schon vor Jahrhunderten da war? Für mich handelt es sich nicht darum, uralt Indisches oder dergleichen vorzubringen, sondern dasjenige vorzubringen, was sich aus der Sache selbst ergibt. Wie heute derjenige, der den pythagoreischen Lehrsatz begreift und versteht, ihn aus der Sache selbst begreift, trotzdem man ihn in einem bestimmten Zeitpunkt als zuerst auftauchend findet, so muß natürlich manches, aber doch eigentlich nur scheinbar, übereinstimmen mit dem, was schon da war. Aber gerade dagegen habe ich mich immer am allerlebhaftesten gewehrt, daß dasjenige, was hier versucht wird aus dem gegenwärtigen Zeitpunkte des Menschheitsbewußtseins heraus, irgend etwas zu tun habe mit irgendeiner alten indischen Mystik oder dergleichen. Anklänge sind da, selbstverständlich, weil das instinktive Erkennen in uralten Zeiten manches gefunden hat, was heute wieder auftauchen muß. Aber das, was ich meine, ist nicht aus alten Traditionen geschöpft. Das ist wirklich so geschöpft, daß wahr ist, für mich wahr ist, was ich damals niederschrieb, als ich mein Buch «Theosophie» schrieb in der ersten Auflage 1904: Ich will nichts andreres mitteilen als das, was ich durch geisteswissenschaftliche Forschung so erkannt habe, wie man irgendeine andere wissenschaftliche Wahrheit durch äußeres Beobachten und kombinierendes Denken erkennt und wofür ich selber persönlich eintreten kann. — Es mag gewiß mancher anderer Meinung sein, aber ich trage nichts anderes vor als dasjenige, wofür ich persönlich eintreten kann. Das sage ich nicht aus Unbescheidenheit, sondern aus dem Grunde, weil ich als ein Mensch erscheinen möchte, der nicht aus einem anderen Geiste als aus dem Geiste der modernen Naturwissenschaft und auch der neueren Technik heraus eine neue Geisteswissenschaft hinstellen will, und weil ich meine, daß man dieses neue Bewußtsein erst versteht, gerade in naturwissenschaftlicher und technischer Eigenart, wenn man durch beide getrieben wird zur Anschauung des Geistes.

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Cite: GA 73a/1920-06-17/p079 · edition original