Zweiter Vortrag
Aber es liegt in alle dem, was da aufgetreten ist als Entwicklungsgeschichte, als Deszendenztheorie das Bestreben, den Menschen dadurch zu begreifen, daß man nur ja recht gut die Gesetzmäßigkeiten des tierischen Lebens verstehen lernt, daß man dann anwendet diejenigen Gesetzmäßigkeiten, die man im tierischen Leben gefunden hat, auf das Leben des Menschen, sich diese Gesetzmäßigkeiten in einer gewissen Weise modifiziert denkt, um den Menschen zu begreifen. Auf einem speziellen Gebiet hat das ja dazu geführt, die Untersuchungen am tierischen Organismus geradezu als ausschlaggebend zu betrachten auch für den Menschen. So sehr man sich vielleicht auch klar ist darüber, daß da allerlei theoretische Einwände gemacht werden müssen - man betrachtet doch dasjenige, was man in bezug auf biologische Wahrheiten durch das Tierexperiment gewinnt, in einer gewissen Weise ganz als bindend auch für den Menschen. Man betrachtet in den Grundlagen der Therapie das, was man durch das Tierexperiment gewinnt, als das Ausschlaggebende in einem gewissen Sinne auch für dasjenige, was man dann im Menschen anerkennen will. Gerade auf diesem Gebiet zeigt sich ganz deutlich, wie man dadurch, daß man glaubt, der tierischen Organisation nahezukommen, vermeint, auch der menschlichen Organisation nahekommen zu können, nur durch eine gewisse Modifikation der Ergebnisse.
Cite:
GA 73a/1921-01-12/p005 · edition original