Anthroposophie, ihr Wesen und ihre philosophischen Grundlagen
Damit ich aber nicht mißverstanden werde, bemerke ich ausdrücklich: Selbstverständlich - im ganzen übrigen Leben behält man sein gewöhnliches Gedächtnis; nur für die Geistesforschung erlebt man die zu schildernde Umwandlung des Gedächtnisses. Man erlebt so etwas, wie man es sonst nur im Raume erlebt. Im Raume geht man sagen wir durch eine Allee. Man kehrt sich einmal um: Man sieht nicht nur die Bilder der Bäume, an denen man vorbeigegangen ist, nein, man sieht - wenn auch durch eine andere Perspektive als vorher - die Bäume selbst. Ebenso steigt es im Bewußtsein herauf. Man sieht auf sein Leben zurück, aber jetzt nicht bloß, indem man die Bilder, die Phantasmen des Vergangenen hat, sondern man erkennt - geradeso wie wenn man sich in einer Allee im Raume umsieht - an der anderen Perspektive, daß man das Leben in unmittelbarer Gegenwart, wie wenn die Zeit zum Raume geworden wäre, überschaut. Es wird dasjenige, was sonst Gedächtnis ist, zu einer ganz neuen Geisteskraft, zu einem Hineinschauen in die Zeit. Und jetzt erst erlangt man in einem gewissen Sinne eine wirkliche Erkenntnis über jenes geheimnisvolle Element in unserem eigenen Wesen, das uns ja sonst ebensowenig bekannt ist, wie für das gewöhnliche Bewußtsein der Inhalt des Schlafes, des traumlosen Schlafes bekannt ist. Man erlangt so einen Einblick in das Wesen des menschlichen Willens, und man erlangt in der Tat die Möglichkeit, dieses Wesen des menschlichen Willens walten zu sehen im Leiblich-Physischen. Und damit, daß man den Willen in dieser Weise als umgestaltetes Gedächtnis kennenlernt, erlangt man eine unmittelbare Anschauung über das andere Ende des Lebens, über die Postexistenz, über dasjenige in uns, was uns hinausträgt durch die Pforte des Todes und hineinträgt in eine geistige Welt. Wiederum ist es durch Ausbildung eines ganz besonderen Seelenelementes zu einem unmittelbaren Erleben, wodurch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft vordringen will zu einer umfassenden Weltanschauung.