4. Anthroposophie als Moralimpuls und soziale Gestaltungskraft
Ich war einmal auf einem Jahrmarkt, da bot ein Händler große Massen von Seifen an. Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, eine wirklich zum sozialen Denken führende Anschauung, die muß anregen das menschliche Gemüt, im Leben dahin zu kommen, daß Seifen angeboten werden, mit denen man sich waschen kann. Aber das war ganz ausgeschlossen bei denjenigen Seifen, die von diesem Händler angeboten wurden. Die, die es nachher probierten, die gaben den Versuch, sich dauernd damit zu waschen, sehr bald auf. Aber der Händler hat große Geschäfte gemacht, und ich will Ihnen erzählen, wie er diese großen Geschäfte gemacht hat. Er hatte neben sich große Ballen mit solcher Seife stehen. Er stellte sich auf ein Podium; er entnahm zunächst dem ersten Bündel eine Anzahl von Seifen. Nun war er im besten Sinne, was man nennen könnte ein repräsentativer Mensch. In den wunderbarsten Redensarten stellte er die Vorzüglichkeit seiner Seife vor sein Publikum hin, und er rief durch alles das, was er da zunächst tat, die Meinung hervor, das müsse ganz besonders wertvolle Seife sein, die kann man schon gut bezahlen. Und dann verkaufte er etwa zehn Seifen Stück für Stück für einen sehr hohen Preis das einzelne Stück. Dieser Preis wurde eben von denjenigen bezahlt, die das Geld gerade in der Tasche hatten, und sie waren sehr froh, solche gute Seifen erhalten zu haben; denn sie erkannten die Güte der Seife an der Höhe des Preises. Nun standen sie da. Der Mann hatte als repräsentative Persönlichkeit dasjenige erreicht, was er erreichen wollte, und es interessierte ihn nicht weiter, diese repräsentative Persönlichkeit noch zu sein. Daher sagte er nachher: Ach, wie ich die Seifen bisher verkauft habe, das ist ja viel zu teuer! Diese Seifen sind ja nur den halben Preis wert. Ich werde sie von jetzt ab um den halben Preis verkaufen. - Und nun hatte er wiederum dasjenige Publikum zu seinen Käufern, dem er suggerieren konnte, daß er ein so guter Mann sei, daß er die Seife billiger verkaufe, als sie die ersten Käufer, die noch dabeistanden, bekommen haben. Die reklamierten nicht, sondern rissen — verzeihen Sie den harten Ausdruck — die Mäuler auf. Dann aber, als er vom ersten Bündel noch eine ziemliche Anzahl von Seifenstücken hatte, da sagte er: Aber ich bin ja ein guter Mensch, diese letzte Seife, die verkaufe ich überhaupt nicht mehr, die schmeiße ich weg. - Und da schmiß er diese ganze Seife unter das Publikum hinein und die konnten die Leute aufklauben umsonst.
Cite:
GA 77b/1921-08-26/p013 · edition original