Das Wesen der Anthroposophie

GA 80a/1922-01-23/p012 ·1922-01-23 · original (original)
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Das Erste, um das es sich handelt, ist eine Entwicklung der Seele nach [den vorstellenden], nach den Gedankenkräften hin. So wie man einen Muskel dadurch verstärken, erkraften kann, dass man ihn arbeitend gebraucht, so kann man in der Tat auch die Gedankenkräfte der menschlichen Seele, indem man sie in einer gewissen Weise gebraucht und immer wieder gebraucht, ja, in rhythmischer Folge immer wieder gebraucht, verstärken, erkraften, sodass sie etwas ganz anderes werden, als sie zunächst sind. Dazu ist notwendig, dass man eine leicht überschaubare Vorstellung oder einen leicht überschaubaren Vorstellungskomplex in den Mittelpunkt des Bewusstseins rückt, dass man dann das ganze menschliche Seelenleben, indem man die Aufmerksamkeit von allem Übrigen durch starke innere Willkür abzieht, auf diese eine Vorstellung oder diesen einen Vorstellungskomplex konzentriert. Damit man dasjenige erreicht, was zu erreichen notwendig ist, dazu muss allerdings dieser Vorstellungskomplex so sein, dass er nicht aus unserem gewöhnlichen Erinnerungsleben entnommen ist. Das, was wir aus dem gewöhnlichen Erinnerungsleben heraufholen, ich habe ja schon angedeutet, wie es uns in Illusionen versetzen kann, es bringt uns Reminiszenzen herauf, die im Unbewussten schlummern. Man kann gar nicht wissen, was da alles aus der Seele heraufkommt, wenn man aus seinem gewöhnlichen Erinnerungsleben eine Vorstellung oder einen Vorstellungskomplex in den Mittelpunkt des Seelenlebens versetzen würde, und sich dann darauf konzentrieren würde. Man nehme daher dasjenige, was man, sagen wir — es ist nur beispielsweise — in irgendeinem fremden Buch findet, einen Spruch, einen Satz, es kommt nicht auf den Inhalt an, sondern darauf, dass man das Denken erkraftet, in der Gedankenarbeit eben, und dass man dazu irgendeine Materie nimmt, die einem bisher nicht bekannt war, die neu in das Seelenleben eintritt. Wir werden gleich sehen, warum. Oder aber, man lasse sich von irgendeinem auf diesem Gebiet erfahrenen Menschen solch einen Spruch geben. Denn das, worauf es ankommt, ist, dass dasjenige, was da in den Mittelpunkt des Seelenlebens hereindringt, und auf das man dann das ganze Seelenleben konzentriert, auf das man alle Aufmerksamkeit verwendet, dass das so an den Menschen herantritt, wie sonst nur irgendein äußerer Sinneseindruck, wie eine Farbe oder ein Ton oder ein sonstiger äußerer Sinneseindruck. Dasjenige, dem Anthroposophie bei diesem Forschungswege nachstrebt, das ist durchaus die äußere sinnliche Wahrnehmung. Diese äußere sinnliche Wahrnehmung, sie bietet sich ja dar so, dass sie von außen an uns herankommt, dass wir dadurch genötigt sind, ihren Inhalt hinzunehmen. So wie der Mensch der äußeren Wahrnehmung als etwas Fremdem gegenübersteht, und dadurch gerade lebhaft seine Aufmerksamkeit auf sie verwendet, geradeso soll dasjenige, wovon ich hier gesprochen habe, dass es in den Mittelpunkt des Erlebens gerückt wird, dem Seelenleben gegenüberstehen. Denn so lebendig soll der Mensch sein Denken erkraften, wie er sonst nur sich verhält, wenn er einem äußeren Sinneseindruck gegenüber ist.

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Cite: GA 80a/1922-01-23/p012 · edition original