Das Wesen der Anthroposophie
Nun genügt es nicht, dass man bloß das Seelenleben auf irgendeine Vorstellung konzentriert oder auf einen Vorstellungskomplex, sondern neben solchen Übungen müssen auch noch andere, in anderer Richtung, getrieben werden. Obwohl alles dasjenige, was ich geschildert habe, und was in den genannten Büchern ausgeführt ist, darauf hinzielt, dass der Mensch in voller Willkür, durchaus mit innerer Besonnenheit, wie man nur sonst im gewöhnlichen Leben dasteht, solche Übungen ausführt, und auch zu solcher Konzentration, solcher Aufmerksamkeitslenkung auf eine gewisse Vorstellung kommt, so ist es doch so, dass man an solche Vorstellungen sich allmählich hingegeben fühlt, zu stark hingegeben fühlt, wenn nicht nach einer anderen Richtung andere Seelenübungen vorgenommen werden. Man muss daher ebenso treulich, wie man sich konzentriert auf gewisse Vorstellungen, wiederum Übungen machen, damit diese Vorstellungen im Bewusstsein jeder Zeit, wenn man will, verlöschen, aus dem Bewusstsein wiederum herausgetan werden. Dann kommt man dazu, dasjenige herzustellen, was man nennen kann deeres Bewusstseim. Leeres Bewusstsein ist sonst bei den Menschen nur vorhanden in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und ist man durch keine Schule der Übung hindurchgegangen, dann ist die große Versuchung vorhanden, dass in dem Augenblick, wo das Bewusstsein leer wird von äußeren Eindrücken — oder auch wo es so stark hingenommen wird von äußeren Eindrücken, dass es sie nicht mehr unterscheidet -, wenn das Bewusstsein auf diese Weise leer wird, eine Art Schlafzustand eintritt. Gerade das ist das Wesentliche für das weitere Fortschreiten anthroposophischer Forschung, dass leeres Bewusstsein hergestellt werden kann, ohne dass der Mensch in irgendeinen Schlafzustand oder Traumzustand kommt, sondern dass er so voll bewusst bleiben kann, ohne dass er irgendetwas durch seine eigene innere Kraft vorstellt, wie er sonst bei äußeren Eindrücken oder bei stark entwickeltem Gedanken- oder Gefühls- oder Willensleben ist. Und dann, wenn zuerst das Gedankenleben erkraftet ist in der geschilderten Weise, so stark erkraftet ist, dass man gewissermaßen innerlich erfasst im unmittelbaren Erleben dieses Erinnerungstableau, von dem ich gesprochen habe, wenn einem da das ganze bisherige Erdenleben wie ein gewaltiges Tableau vor Augen steht, wenn man so weit das Vorstellungsleben erkraftet hat, dann bringt man es auch dazu, bei völligem Wachsein die einzelne Vorstellung, die man auf diese Weise in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt hat, oder die sich selbst dahin gestellt hat, wiederum abzudämpfen, herauszuwerfen aus dem Bewusstsein und ein leeres Bewusstsein herzustellen. Hat man dies eine Zeit lang geübt, es ist wiederum je nach Anlage der Menschen verschieden, ob man längere oder kürzere Zeit dazu braucht. Ich darf nur sagen: Anthroposophische Forschung ist nicht leichter als die Forschungen auf der Sternwarte, im Laboratorium oder in der Klinik, man muss lange Zeit ausdauernd und emsig solche Übungen durchmachen, wie ich sie jetzt schildere.
Cite:
GA 80a/1922-01-23/p019 · edition original