Das Wesen der Anthroposophie
Da hat zum Beispiel eine Lehrkraft dieser Waldorfschule gezeigt, wie einseitig alles dasjenige ist, was gerade in neuerer Zeit an experimentierender Pädagogik und experimentierender Psychologie für den Unterricht fruchtbar gemacht werden soll. Auch dagegen lehnt sich Anthroposophie nicht auf, was in dieser Weise experimentierend auftritt, aber sie kann zeigen, dass dasjenige, was man so äußerlich am Menschenkinde lernt, erst in der richtigen Weise fruchtbar werden kann, wenn man auch durch innere Anschauung in die Seele hineinkommt; wenn dem Unterricht zugrunde gelegt werden nicht bloß experimentelle Ergebnisse über das Gedächtnis, die Entwicklung der Verstandes- und Willenskräfte, über Ermüdung und so weiter, die man äußerlich gewonnen hat, bei denen man der Menschenseele fernstehen kann. Sondern, was man auf diese selbst gewinnen kann, wird erst fruchtbar, wenn man auch die Möglichkeit erlangt, intim in die Menschenseele hineinzuschauen, in diese wunderbare, rätselhafte Menschenseele, die sich vom ersten kindlichen Tage an entwickelt, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Hat man dafür das rechte Erkenntnisgefühl, dann ist man erst imstande, zu erziehen. Und Anthroposophie kann, weil sie nicht bloß auf das Äußere geht, sondern den ganzen, den vollen Menschen nach Leib, Seele und Geist erkennen lernt, eine solche höhere, durchseelte, durchgeistigte Erziehungskunst schaffen.
Cite:
GA 80a/1922-01-23/p043 · edition original