Anthroposophie und Geisteserkenntnis
Wie verläuft doch dieser alltägliche Atmungsprozess? Mehr oder weniger unbewusst. Nur wenn wir irgendwie von Krankheiten befallen sind, werden wir uns unseres Atmens bewusst. Sonst gehen im höchsten Maße unbewusst vor sich Einatmen, Atem-Halten, Ausatmen. Und gerade auf dieser Unbewusstheit von Einatmen, Atem-Halten, Ausatmen beruht die unbefangene Selbstverständlichkeit unseres Lebens. Derjenige, der glaubte im alten Oriente, dass er ein Yoga-Gelehrter werden könnte, der bildete für gewisse Zeiten ein Atmen aus, das er anders regelte, als die Natur selber das selbstverständliche menschliche Atmen regelt. Er bildete einen anderen Rhythmus für Einatmen, Atem-Halten, Ausatmen. Wozu gelangte er dadurch? Er gelangte dadurch dazu, während man sonst unbewusst atmete, mehr oder weniger vollbewusst zu atmen, das Atmen als einen vollbewussten Prozess zu erleben. Das geht in mir vor, indem ich einatme, das geht während der Einatmungströmung in mir durch den ganzen Organismus vor, das geht während des Atem-Haltens in mir vor, das während des Ausatmens. Insbesondere richtete der Yogi seine Aufmerksamkeit auf dasjenige, was sich nun ergab aus diesem veränderten, ins Bewusstsein erhobenen Atmungsprozess für sein Denken. Für sein Denken, was ergab sich denn da? Nun, wir können es im modernen Sinn physiologisch charakterisieren, was da geschah. Dasjenige, was unbewusst sich vollzieht beim Atmungsprozess, was ist es denn in Bezug auf die menschliche Hauptesorganisation, auf die Gedankenorganisation? Wir atmen ein, der Atmungsstoß geht in unseren Organismus hinein, wirkt durch den Rückenmarkskanal herauf auf unser Gehirn, auf das Werkzeug unseres Denkens, das eine gewisse Tätigkeit vollbringt aus dem Nervensinnesleben heraus, sodass in dieser Tätigkeit etwas durchströmt von dem Atmungsstrom. In Wirklichkeit haben wir es nicht bloß zu tun in unserem Gedankenleben mit demjenigen, was Tätigkeit unseres Nervensinneslebens ist, sondern dieses Nervensinnesleben wird durchwellt und durchwallt von dem rhythmischen Leben des Atmungsstromes. Davon wissen wir aber nichts. Dieses Durchströmen des physischen Teiles seiner Gedankentätigkeit mit dem Atmungsstrom, dieses Durchströmen, das brachte sich der Yogi, der zur höheren Erkenntnis aufstrebte, zum Bewusstsein. Was erlangte er da? Was er da erlangte, können wir nur begreifen, wenn wir vergleichen dasjenige, was so der Yogi erlebte in seinem Bewusstsein mit Bezug auf das Denken, wenn wir das vergleichen mit dem, was seine ganze Umgebung, die übrige Menschheit erlebte.
Cite:
GA 80a/1922-05-16/p015 · edition original