2. Die Anthroposophie als Erkenntnis- und Lebensgut

GA 80b/1921-01-28/p011 ·1921-01-28 · original (original)
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Nun steht man ja heute, insbesondere in der Wissenschaft, aber auch sonst im Leben, auf dem Gesichtspunkt, dass man diejenigen Eigenschaften im Menschen ausbildet, die — sagen wir — vererbt sind, die man durch die gewöhnliche Erziehung sich aneignen kann, und dann ist man für das heutige Leben auch und für das wissenschaftliche Leben in der Regel fertig. Von diesem Gesichtspunkt geht man ja auch gerade im wissenschaftlichen Leben aus. Man betrachtet sich nach den gewöhnlichen vererbten Eigenschaften und nach der Erziehung als in einer gewissen Weise fertig in irgendeinem Lebenspunkt und schaut sozusagen die Welt von diesem fertigen Gesichtspunkte aus an. Man kombiniert dasjenige, was der Verstand, was die sinnlichen Tatsachen geben, und schreitet nicht innerlich weiter, sondern man macht, ich möchte sagen nur das Fehlende desjenigen, was man gerade erforschen will. Man breitet sich aus, man breitet sich auch dadurch aus, dass man vielleicht das Auge durch Teleskop oder Mikroskop oder durch das [Spektroskop] oder durch den Röntgenapparat bewaffnet, irgendwie. Aber auf diese Weise erlangt man doch nichts anderes, als dass man, ich möchte sagen, wenn auch in mittelbarer Weise durch das Spektroskop oder den Röntgenapparat oder durch das Teleskop dasselbe anschaut, was man auch sonst vor den sinnlichen Augen und den anderen Sinnen hat. Was man aber zur Geisteswissenschaft haben muss, ist intellektuelle Bescheidenheit. Das heißt, man muss sich einfach in einem Momente seines Lebens Folgendes sagen: Der Mensch kann Fähigkeiten ausbilden von seinem fünften bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahre. Da holt er gewissermaßen dasjenige, was in ihm veranlagt ist, aus seinem Innern heraus. Und nur dadurch, dass er etwas aus seinem Innern herausgeholt hat, sieht für ihn die Welt jetzt anders aus. Wenn man bloß das äußere Sinnliche beschreibt: Das ist nicht mehr da, aber es ist jetzt für ihn mehr da, weil er Fähigkeiten und Eigenschaften aus den Grundtiefen seiner Seele herausgeholt hat. So sagt man sich: Es könnten in dieser Seele noch andere Fähigkeiten liegen, Fähigkeiten, die eben nicht durch die gewöhnlichen vererbten Eigenschaften in ihrer naturgemäßen Entwicklung und durch die gewöhnliche Erziehung herauskommen, sondern die vielleicht nur dadurch herauskommen, dass man das seelische Leben intim innerlich — wenn auch mit der entsprechenden Bescheidenheit, weil es ja nur eine Versinnlichung ist —, tief innerlich selber nun in die Hand nimmt und weiterleitet, dass man es über den Standpunkt hinausbringt, der einem sonst im Leben und in der gewöhnlichen Wissenschaft beschert sein kann.

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