Das Vaterunser: Eine esoterische Betrachtung
Nun müssen wir uns vor allen Dingen klarmachen, daß dasjenige, was heutzutage vielfach als Gebet angesehen wird, keineswegs im urchristlichen Sinne und am wenigsten im Sinne des Stifters der christlichen Religion, des Christus Jesus selbst, als Gebet gelten würde. Im wirklichen christlichen Sinne ist es nimmermehr ein Gebet, wenn irgendein einzelner Mensch sich von seinem Gotte etwas erbetet, was seine eigenen persönlichen und egoistischen Wünsche befriedigen soll. Wenn irgend jemand die Erfüllung persönlicher Wünsche erfleht oder erbetet, so kommt er natürlich sehr bald dahin, ganz außer acht zu lassen die Universalität und das Umfassende in der Gewährung dessen, was durch das Gebet erstrebt wird. Er setzt voraus, daß die Gottheit gerade seine Wünsche besonders befriedige. Ein Bauer, der diese oder jene Frucht angebaut hat, braucht vielleicht Regen, ein anderer neben ihm braucht Sonnenschein. Der eine betet um Regen, der andere um Sonnenschein. Was soll da die göttliche Weltordnung und Fürsorge tun? Gar nicht daran zu denken, was die göttliche Weltordnung und Fürsorge tun soll, wenn zwei Heere einander gegenüberstehen und ein jedes von ihnen betet, daß sie ihm den Sieg verleihen soll, und ein jedes seinen Sieg als den einzig gerechten ansieht. Da wird man gleich sehen, wie wenig ein solches den persönlichen Wünschen entspringendes Gebet an Universalität und allgemeiner Menschlichkeit in sich hat und wie selbst die Gewährung von seiten eines Gottes nur der einen Partei der Bittenden entsprechend sein kann. Man läßt eben, wenn man in solcher Weise betet, dasjenige Gebet außer acht, durch das der Christus Jesus die Grundstimmung angegeben hat, die in jedem Gebet vorherrschend sein soll, jenes Gebet, das heißt: «Vater, laß diesen Kelch an mir vorüberziehen, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.» Dies ist die christliche Grundstimmung des Gebetes. Was auch immer erfleht und erbetet wird, diese Grundstimmung muß als heller Zwischenton in der Seele des Betenden leben, wenn er christlich beten will. Dann wird dasjenige, was Gebetsformel ist, bloß ein Mittel für den Menschen, sich hinaufzuheben in höhere geistige Gebiete, um den Gott in sich fühlen zu können. Dann wird aber auch diese Gebetsformel den Ausschluß eines jeden egoistischen Wunsches und Willensimpulses bewirken im Sinne der Worte: «Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.» Sie wird ein Aufgehen, ein Sich-Hineinversenken in diese göttliche Welt ergeben. Wird dann diese Gemütsstimmung als die wirkliche Gebetsstimmung erreicht, dann ist das christliche Gebet genau dasselbe — nur mit einer mehr gefühlsmäßigen Färbung -, was die Meditation ist. Und nichts anderes war dieses christliche Gebet ursprünglich, als was die Meditation ist. Die Meditation ist nur mehr gedankenmäßig, und es wird durch sie versucht, durch die Gedanken der großen Führer der Menschheit den Zusammenklang mit den göttlichen Strömungen, die durch die Welt gehen, zu erreichen. Im Gebet wird dasselbe in einer mehr gefühlsmäßigen Art erreicht.
Cite:
GA 96/1907-01-28_02/p006 · edition original