Des Menschen Verhältnis zur Natur
Da kann man einwenden: ja, aber es ist doch manchmal etwas sehr Gutes, wenn man nicht abreißt alle Blüten, sondern sie in der Natur läßt und manchmal ist es gut, die Pflanzen zu versetzen und mit der Wurzel auszureißen. Das ändert nicht die Tatsache, daß das Ausreißen Schmerz und das Pflücken Wohlgefühl bereitet. Die moralische Seite ist etwas anderes als die Tatsache an sich. Eine moralische Anschauungsweise, die im Menschenleben ihre Berechtigung hat, darf man nicht auf den Kosmos anwenden. Denken Sie, wenn jemand anfängt, die ersten weißen Haare zu bekommen, so kann es vom ästhetischen Standpunkt aus begehrenswert sein, sie auszureißen. Er mag schöner werden, weh tut es ihm aber. So mag es begehrenswert sein, daß man Pflanzen verpflanzt, weh tut es aber der Erde. Nun ist die Frage, ob es nicht notwendig ist, solchen Schmerz zu bereiten? Oder: darf oder soll man diesen Schmerz bereiten? Schmerz ist in vieler Beziehung nicht trennbar vom Dasein. Der Mensch tritt durch den Schmerz der Mutter in die Welt. Was geboren wird, wird unter Schmerzen geboren. Wenn es auch notwendig sein mag, Pflanzen auszureißen, immer liegt Schmerz der Erde vor. So gehen unsere Begriffe und Ideen ins intime Fühlen und Empfinden über. Wir merken allmählich, was wir alles nicht wahrnehmen in unserer Umgebung, wenn wir von allen diesen Dingen nichts wissen. In unserer Umgebung wird immer gefühlt und empfunden und gelebt; es ist nicht nur ein mechanischer Vorgang, wenn die Sense durch die Halme fährt, sondern Fluten von Empfindungen strömen über den Acker im Herbst. So lernen wir, uns in die Wesen um uns hineinzuleben.
Cite:
GA 98/the_relation_of_the_human_being_to_nature/p012 · edition original