Die Pforte der Einweihung — Fünftes Bild

GA 14

Ein unterirdischer Felsentempel, die verborgene Mysterienstätte der Hierophanten. Benedictus, Theodosius, Romanus, Retardus; Felix Bälde, die andre Maria. Johannes in Meditation, wie im vorigen Bilde. BENEDICTUS (im Osten): Die ihr Gefährten mir geworden Im Reich des ewig Seienden, Ich bin in eurer Mitte jetzt Die Hilfe mir zu holen, Der ich von euch bedarf Zum Schicksalsfaden eines Menschen, Der Licht von hier empfangen soll. Er ist geschritten durch die Leidensproben Und hat in bittrer Seelennot Den Grund gelegt zur Weihe, Die ihm Erkenntnis geben soll. Erfüllt ist nun die Sendung, Die mir obliegt als Geistesbote, Der dieses Tempels Schätze Zu Menschen bringen soll. An euch, ihr Brüder, ist es jetzt Mein Wirken zu vollenden. Ich habe ihm gezeigt das Licht, Das ihn geführt Zum ersten Geistesschauen. Doch soll aus Bild Ihm Wahrheit werden, Muß euer Werk Zu meinem Werke kommen. Mein Wort, es ist aus mir allein; Durch euch ertönen Weltengeister. THEODOSIUS (im Süden): Es spricht die Kraft der Liebe, Die Welten bindet Und Wesen mit dem Sein erfüllt. Es fließe Wärme in sein Herz. Er soll begreifen, Wie er dem Weltengeist Sich naht durch Opferung Des Wahnes seiner Eigenheit. Du hast entbunden jetzt Sein Schauen aus dem Sinnesschlaf; Die Wärme wird den Geist erwecken Aus seinem Seelenwesen. Du hast das Selbst gezogen Aus seiner Leibeshülle; Die Liebe wird die Seele festigen, Daß sie zum Spiegel werden kann, Aus dem geschaut muß werden, Was in der Geisteswelt geschieht. Die Liebe wird die Kraft ihm geben, Sich selbst als Geist zu fühlen, Und so das Ohr ihm schaffen, Das Geisterworte hört. ROMANUS (im Westen): Auch meine Worte sind Nicht eignen Wesens Offenbarung; Es spricht der Weltenwille. Und da gebracht du hast Den Menschen, der dir anvertraut, Zur Kraft, im Geist zu leben, So soll die Kraft ihn fuhren Durch Raumesgrenzen und durch Zeitenenden. In jene Sphären soll er gehen,

Wo Geister schaffend handeln. Sie sollen ihm sich offenbaren Und Taten von ihm fordern. Er wird sie willig tun. Der Weltenbildner Ziele, Sie werden ihn beleben; Und Urbeginne sollen Durchgeistern ihn. Die Weltgewalten werden Durchkraften ihn; Die Sphärenmächte Durchleuchten ihn; Und Weltenherrscher Befeuern ihn. RETARDUS (im Norden): Ihr mußtet seit dem Erdbeginn In eurer Mitte mich ertragen. So muß in eurem Rate Auch heute meinem Wort Gehör gegeben sein. Bis ihr vollführen könnt, Was ihr so schön besprochen, Ist wohl noch eine Weile Zeit. Noch hat die Erde selbst Durch nichts uns angekündigt, Daß sie Verlangen trägt Nach neuen Eingeweihten. So lange nicht betreten haben Den Raum, in welchem wir beraten, Die Wesen, die noch ungeweiht Den Geist entbinden können Aus Sinnes-Wirklichkeiten, So lange bleibt mir's unbenommen, Zu hemmen euren Eifer. Erst müssen sie uns Botschaft bringen, Daß neue Offenbarung Der Erde nötig scheint. Ich halte euer Geisteslicht Deshalb zurück in diesem Tempel, Auf daß nicht Schaden Statt Heil es bringe, Wenn es die Seelen unreif trifft. Ich gebe aus mir selbst Dem Menschen jenen Teil, Der ihm die Sinneswahrheit Als Höchstes läßt erscheinen, So lang die Geistesweisheit Sein Auge blenden könnte. Der Glaube mag auch ferner Zum Geist ihn führen; Und seines Wollens Ziele, Sie können durch Begierden, Die blind im Finstern tasten, Gelenkt noch weiter werden. ROMANUS: Wir mußten seit dem Erdbeginn In unsrer Mitte dich ertragen. Doch ist die Zeit nun abgelaufen, Die deinem Wirken zugemessen. Es fühlt in mir der Weltenwille, Daß jene Menschen nahen, (Felix Bälde erscheint in seiner irdischen Gestalt, die andre Maria in Seelenform aus dem Felsen.) Die ungeweiht, aus Sinnenschein Den Geist entbinden können. Zu hemmen unsre Schritte

Ist dir vergönnt nicht länger. Aus freiem Willen werden sie Sich unserm Tempel nahen Und dir die Botschaft bringen, Daß sie mit uns vereint Am Geisteswerke helfen wollen. Sie fanden sich bis jetzt Dazu noch nicht bereit, Sie hingen an dem Glauben, Daß Seherkräfte von Vernunft Getrennt sich halten sollen. Sie haben nun erkannt, Wozu Vernunft den Menschen führt, Wenn sie vom Schauen abgesondert In Weltentiefen sich verirrt. Sie werden zu dir sprechen Von Früchten, die aus deiner Kraft In Menschenseelen reifen müssen. RETARDUS: Ihr, die ihr unbewußt Mein Schaffen habt gefördert, Ihr sollt mir weiterhelfen. Wenn ihr euch ferne haltet allem, Was nur in mein Gebiet gehört, So wird auch eurem Wirken Der Raum gewahrt stets bleiben, Wie ihr bisher ihn hattet. FELIX BÄLDE: Mir hat befohlen eine Kraft, Die aus den Erdengründen Zu meinem Geiste spricht, Zu gehen an den Weiheort. Sie will durch mich euch künden Von ihrer Sorge, ihrer Not. BENEDICTUS: Mein Freund, so sage uns, Was du in deinen Seelengründen Vom Kummer in den Erdentiefen Erkundet hast. FELIX BÄLDE: Das Licht, das in den Menschen Als Frucht des Wissens leuchtet, Es soll zur Nahrung werden Den Mächten, die im Erdendunkel Dem Weltengange dienen. Sie müssen nun seit lange schon Der Sättigung fast ganz entbehren. Denn was in diesen Tagen Erwächst in Menschenhirnen, Es dient der Erdenoberfläche, Doch in die Tiefen dringt es nicht. Es spukt ein neuer Aberglaube In klugen Menschenköpfen. Sie richten ihren Blick in Urbeginne Und wollen in den Geistersphären Gespenster sehen nur, Erdacht aus Sinnenwahn. Der Händler hielte sicher geistverworren Den Käufer, der ihm sagen wollte: Es kann im Tal der Nebeldunst Sich zu dem baren Gelde ballen; Du aber sollst bezahlt Mit diesem Gelde sein. Der Händler will Dukaten nicht

Aus Nebeldunst erwarten. Doch durstet er Nach Lösung höchster Daseinsrätsel, So nimmt er ganze Weltenbaue Aus Urweltnebeln willig hin, Wenn Wissenschaft als Zahlung Zum Geistbedarf sie reicht. Der Lehrer, der erführe: Es wollt' ein Laienwicht Ganz ohne Prüfung selber sich In Wissenshöhen heben, Er würde mit Verachtung dröhn. Doch Wissenschaft bezweifelt nicht, Daß ungeprüft und geistesleer Das Urwelttier zum Menschen Aus eigner Kraft sich wandeln könne. THEODOSIUS: Warum eröffnest du den Menschen Nicht deines Lichtes Quellen, Das in so hellem Strahl Dir aus der Seele leuchtet? FELIX BÄLDE: Mich nennen Grübler und Phantast, Die guten Willen haben. Den andern aber gelte ich Als dumpfer Tropf, Der unbelehrt von ihnen Der eignen Narrheit folgt. RETARDUS: Du zeigst, wie unbelehrt du bist Schon durch die Einfalt dieser Rede. Du weißt nicht, daß gescheit genug Ein Mann der Wissenschaft, Um solchen Einwand sich auch selbst zu machen. Und macht er ihn sich nicht, So kennt er auch den Grund. FELIX BÄLDE: Ich weiß ganz gut, Daß er gescheit genug wohl ist, Den Einwand zu verstehn; Doch sicher nicht gescheit genug, An ihn zu glauben. THEODOSIUS: Was soll geschehn, Den Erdenmächten jetzt zu geben, Was sie so nötig haben? FELIX BÄLDE: So lang auf Erden Gehör nur jene Menschen finden, Die ihres Geistes Ursprung Sich nicht entsinnen wollen, So lange werden hungern In Erdentiefen Erzgewalten. DIE ANDRE MARIA: Ich hör' aus deinen Worten, Bruder Felix, Daß du die Zeit als abgelaufen denkst, Da wir dem Erdendasein dienen sollten, Um ohne Weihe durch das Weisheitslicht Aus eignen Lebensgründen Geist und Liebe Im Dasein zu beleben. In dir erhoben sich die Erdengeister,

Um ohne Wissenschaft dir Licht zu schaffen. In mir hat Liebe walten dürfen, Die in dem Menschensein sich selbst bewirkt. Wir wollen ferner im Verein mit jenen Brüdern, Die in dem Tempel leisten Weihedienste, In Menschenseelen fruchtbar wirken. BENEDICTUS: Wenn ihr euch eint mit uns, So muß das Weihewerk gelingen. Die Weisheit, die ich meinem Sohn erteilt, Sie wird in ihm zur Macht erblühn. THEODOSIUS: Wenn ihr euch eint mit uns, So muß die Opferlust erstehn. Die Liebe wird dann warm durchwehn Des Geistessuchers Seelenleben. ROMANUS: Wenn ihr euch eint mit uns, So müssen Geistesfrüchte reifen Und Taten keimen, die im Geisteswirken Erwachsen aus der Seelenschülerschaft. RETARDUS: Wenn sie sich mit euch einen, Was soll mit mir geschehen! Es werden meine Taten Dem Geistesschüler fruchtlos sein. BENEDICTUS: Du wirst zu andrem Sein dich wandeln, Da du dein Werk getan. THEODOSIUS: Du wirst in Opfern weiterleben, Wenn du dich selber opferst. ROMANUS: Du wirst in Menschentaten fruchten, Wenn ich die Früchte pflegen kann. JOHANNES (wie im vorigen Bilde aus der Meditation): Es zeigten sich dem Seelenauge Die Brüder in dem Tempel. Sie glichen an Gestalt den Menschen, Die ich im Sinnenschein schon kenne. Nur Benedictus auch an Geist. Der ihm zur Linken stand, Ist jenem Manne gleich, Der nur durch Fühlen sich dem Geiste nähern will. Der dritte glich dem Menschen, Der nur in Kurbeln und im äußern Werk Die Lebensmächte gelten läßt. Der vierte ist mir unbekannt. Die Frau, die nach des Gatten Tod Dem Geisteslicht sich zugewandt, Ich sah sie hier in ihrem tiefsten Wesen. Und Felix Bälde kam, Wie er im Leben ist. (Vorhang fällt langsam.)

German original of Scene 5 — The subterranean rock temple. The consultation of the hierophants. · ← Previous · Next →