Die Pforte der Einweihung — Sechstes Bild
GA 14
Dieselbe Szenerie wie im vierten Bilde. Der Geist der Elemente steht an derselben Stelle. Vor ihm Frau Bälde; später German. Johannes in Meditation. FRAU BÄLDE: Du hast mich rufen lassen; Was willst du von mir hören? GEIST DER ELEMENTE: Zwei Männer schenkte ich der Erde. Es ward durch dich befruchtet Der beiden Männer Geisteskraft. In deinen Worten fanden sie Belebung ihrer Seelen, Wenn trocknes Sinnen sie gelähmt. Was du gegeben ihnen, Verschuldet dich auch mir. Es reicht ihr Geist nicht aus, Zu lohnen mir den Dienst, Den ich an ihnen tat. FRAU BÄLDE: Es kam durch Jahre Der eine Mann in unser Häuschen, Zu holen sich die Kraft, Die seinen Worten Feuer gab. Er brachte später auch den andern mit. Und so verzehrten beide Die Früchte, deren Wert Mir damals unbekannt. Doch wenig Gutes Erfuhr von ihnen ich als Gegengabe. Sie schenkten unsrem Sohn Erkenntnis ihrer Art. Es war recht gut gemeint, Doch unser Kind Empfing dadurch den Seelentod. Erwachsen war es in dem Licht, Das Vater Felix aus den Quellen, Den Felsen und den Bergen Durch Geisterspruch erhalten. Vereint damit ward alles, Was mir gewachsen in der Seele Seit meinen ersten Kinderjahren. Des Sohnes Geistessinn Erstarb im finstern Schatten Der dunklen Wissenschaft, Und statt des heitern Kindes Erwuchs ein Mensch Mit öder Seele Und leerem Herzen. Und nun verlangst du gar, Daß ich bezahle, Was sie dir schulden. GEIST DER ELEMENTE: Es muß so sein. Hast du gedienet erst Dem Erdenteil in ihnen, Verlangt der Geist durch mich, Daß du das Werk vollendest. FRAU BÄLDE: Es ist nicht meine Art, Zu weigern, was ich soll; Doch sage mir zuerst,
Ob Nachteil mir erwächst Aus meinem Liebesdienst. GEIST DER ELEMENTE: Was du auf Erden erst für sie getan, Es raubte deinem Kinde seine Seelenkraft. Was du nun ihrem Geiste gibst, Ist dir im eignen Selbst verloren; Und dein Verlust an Lebenskraft Wird an dem Leib sich dir Als Häßlichkeit erweisen. FRAU BÄLDE: Sie nahmen meinem Kinde Die Kräfte seiner Seele, Und ich soll wandeln Als Scheusal vor der Menschen Blicken, Daß ihnen Früchte reifen, Die wenig Gutes wirken! GEIST DER ELEMENTE: Doch wirkst du zu der Menschen Heil Und auch für eignes Glück. Der Mutter Schönheit und des Kindes Leben, Sie werden euch in höherer Weise blühn, Wenn in den Menschenseelen Die neuen Geisteskräfte keimen. FRAU BÄLDE: Was soll ich tun? GEIST DER ELEMENTE: Du hast so oft die Menschen inspiriert, So inspiriere jetzt die Felsengeister; Du mußt in dieser Stunde dir Entringen eines deiner Märchenbilder Und anvertrauen es den Wesen, Die mir in meiner Arbeit dienen. FRAU BÄLDE: Es sei — Es war einmal ein Wesen, Das flog von Ost nach West Dem Lauf der Sonne nach. Es flog hin über Länder, über Meere; Es sah von seiner Höhe Dem Menschentreiben zu. Es sah, wie sich die Menschen lieben Und hassend sich verfolgen. Es konnte nichts das Wesen In seinem Fluge hemmen; Denn Haß und Liebe schaffen Das gleiche stets vieltausendfach. Doch über einem Hause, Da mußt' das Wesen halten. Darinnen war ein müder Mann. Der sann der Menschenliebe nach Und sann auch über Menschenhaß. Ihm hatte schon sein Sinnen Ins Antlitz tiefe Furchen eingeschrieben. Es hatte ihm das Haar gebleicht. Und über seinem Kummer Verlor das Wesen seinen Sonnenführer Und blieb bei jenem Mann. Es war in seinem Zimmer Noch, als die Sonne unterging; Und als die Sonne wiederkam, Da ward das Wesen wieder
Vom Sonnengeiste aufgenommen. - Und wieder sah es Menschen In Lieb' und Haß Den Erdenlauf verbringen. Und als es kam zum zweiten Mal, Der Sonne folgend über jenes Haus, Da fiel sein Blick Auf einen toten Mann. (Hinter einem Felsen spricht German, so daß er unsichtbar bleibt.) GERMAN: Es war einmal ein Mann, Der zog von Ost nach West. Ihn lockt' der Wissenstrieb Hin über Land und Meer. Er sah nach seinen Weisheitsregeln Dem Menschentreiben zu. Er sah, wie sich die Menschen lieben Und hassend sich verfolgen. Es sah der Mann sich jeden Augenblick An seiner Weisheit Ende. Doch wie stets Haß und Liebe Die Erdenwelt regieren, Es war in kein Gesetz zu bringen. Er schrieb viel tausend Einzelfälle, Doch fehlte alle Überschau. Es traf der trockne Forscher Auf seinem Weg ein Lichteswesen; Dem war das Dasein schwer, Da es in stetem Kampfe war Mit einer finstern Schattenform. Wer seid ihr denn, So fragt der trockne Forscher. Ich bin die Liebe, So sagt das eine Wesen; In mir erblick den Haß, So sprach das andre. Es hörte dieser Wesen Worte Der Mann nicht mehr. Als tauber Forscher zog fortan Von Ost nach West der Mann. FRAU BÄLDE: Wer bist du denn, Der meine Worte So unerwünscht In seiner Art entstellt? Es klingt wie Spott, Und spotten ist nicht meine Art. GERMAN (hervortretend): Ich bin der Geist des Erdgehirns; Im Menschen lebt von mir Ein zwerghaft Abbild nur. Es wird so manches drin gedacht, Das Spott nur auf sich selber ist, Wenn ich es in der Größe zeige, Wie es in meinem Hirn erscheint. FRAU BÄLDE: Darum verspottest du auch mich! GERMAN: Ich muß recht oft Dies Handwerk üben; Doch hört man mich meist nicht. Ergriffen hab ich die Gelegenheit,
Einmal auch da zu sein, Wo man mich hört. JOHANNES (aus der Meditation): Dies war der Mann, Der von sich sagte, Das Geisteslicht sei wie von selber In sein Gehirn gedrungen. Und Frau Felicia, sie kam, Gleich ihrem Mann, Wie sie im Leben ist. (Vorhang fällt.)