Die Pforte der Einweihung — Siebentes Bild

GA 14

Das Gebiet des Geistes. Maria, Philia, Astrid, Luna, Kind; Johannes, erst von ferne, dann näherkommend; Theodora, zuletzt Benedictus. MARIA: Ihr, meine Schwestern, die ihr So oft mir Helferinnen wart, Seid mir es auch in dieser Stunde, Daß ich den Weltenäther In sich erbeben lasse. Er soll harmonisch klingen Und klingend eine Seele Durchdringen mit Erkenntnis. Ich kann die Zeichen schauen, Die uns zur Arbeit lenken. Es soll sich euer Werk Mit meinem Werke einen. Johannes, der Strebende, Er soll durch unser Schaffen Zum wahren Sein erhoben werden. Die Brüder in dem Tempel, Sie hielten Rat, Wie sie ihn aus den Tiefen In lichte Höhen führen sollen. Von uns erwarten sie, Daß wir in seiner Seele heben Die Kraft zum Höhenflüge. Du, meine Philia, so sauge Des Lichtes klares Wesen Aus Raumesweiten, Erfülle dich mit Klangesreiz Aus schaffender Seelenmacht,

Daß du mir reichen kannst Die Gaben, die du sammelst Aus Geistesgründen. Ich kann sie weben dann In den erregenden Sphärenreigen. Und du auch, Astrid, meines Geistes Geliebtes Spiegelbild, Erzeuge Dunkelkraft Im fließenden Licht, Daß es in Farben scheine. Und gliedre Klangeswesenheit; Daß webender Weltenstoff Ertönend lebe. So kann ich Geistesfühlen Vertrauen suchendem Menschensinn. Und du, o starke Luna, Die du gefestigt im Innern bist, Dem Lebensmarke gleich, Das in des Baumes Mitte wächst, Vereine mit der Schwestern Gaben Das Abbild deiner Eigenheit, Daß Wissens Sicherheit Dem Seelensucher werde. PHILIA: Ich will erfüllen mich Mit klarstem Lichtessein Aus Weltenweiten, Ich will eratmen mir Belebenden Klangesstoff Aus Ätherfernen, Daß dir, geliebte Schwester, Das Werk gelingen kann. ASTRID: Ich will verweben Erstrahlend Licht Mit dämpfender Finsternis, Ich will verdichten Das Klangesleben. Es soll erglitzernd klingen, Es soll erklingend glitzern, Daß du, geliebte Schwester, Die Seelenstrahlen lenken kannst. LUNA: Ich will erwärmen Seelenstoff Und will erhärten Lebensäther. Sie sollen sich verdichten, Sie sollen sich erfühlen, Und in sich selber seiend Sich schaffend halten, Daß du, geliebte Schwester, Der suchenden Menschenseele Des Wissens Sicherheit erzeugen kannst. MARIA: Aus Philias Bereichen Soll strömen Freudesinn; Und Nixen-Wechselkräfte, Sie mögen öffnen Der Seele Reizbarkeit, Daß der Erweckte Erleben kann Der Welten Lust, Der Welten Weh. - Aus Astrids Weben Soll werden Liebelust;

Der Sylphen wehend Leben, Es soll erregen Der Seele Opfertrieb, Daß der Geweihte Erquicken kann Die Leidbeladenen, Die Glück Erflehenden. - Aus Lunas Kraft Soll strömen Festigkeit. Der Feuerwesen Macht, Sie kann erschaffen Der Seele Sicherheit; Auf daß der Wissende Sich finden kann Im Seelenweben, Im Weltenleben. PHILIA: Ich will erbitten von Weltengeistern, Daß ihres Wesens Licht Entzücke Seelensinn, Und ihrer Worte Klang Beglücke Geistgehör; Auf daß sich hebe Der zu Erweckende Auf Seelenwegen In Himmelshöhen. ASTRID: Ich will die Liebesströme, Die Welt erwärmenden, Zu Herzen leiten Dem Geweihten; Auf daß er bringen kann Des Himmels Güte Dem Erdenwirken Und Weihestimmung Den Menschenkindern. LUNA: Ich will von Urgewalten Erflehen Mut und Kraft Und sie dem Suchenden In Herzenstiefen legen; Auf daß Vertrauen Zum eignen Selbst Ihn durch das Leben Geleiten kann. Er soll sich sicher In sich dann selber fühlen. Er soll von Augenblicken Die reifen Früchte pflücken Und Saaten ihnen entlocken Für Ewigkeiten. MARIA: Mit euch, ihr Schwestern, Vereint zu edlem Werk, Wird mir gelingen, Was ich ersehne. Es dringt der Ruf Des schwer Geprüften In unsre Lichteswelt. (Johannes erscheint.) JOHANNES: O Maria, du bist es! Es hat mein Leid

Mir reiche Frucht gebracht. Es hat dem Wahngebilde mich entrückt, Das ich aus mir erst selbst gemacht Und das mich dann gefangen hielt. Dem Schmerz verdank' ich es, Daß ich auf Seelenbähnen Zu dir gelangen konnte. MARIA: Wie war der Weg, Der dich hierhergeführt? JOHANNES: Ich fühlte mich entronnen Den Sinnesfesseln. Befreit ward dann mein Blick Von jenen Schranken, Die ihm die Gegenwart umschließen. Ich konnte andres schauen In eines Menschen Leben, Als was ein Augenblick In engstem Kreise zeigt. Capesius, den mir das Sinnensehen In seinen altern Jahren hat gewiesen, Ihn hat der Geist Als Jüngling vor die Seele mir gerückt, Wo er von Hoffnungsträumen voll Dem Leben erst entgegengeht, Das immer wieder ihm gebracht Die treue Hörerschar. Und Strader, der noch jung Im Erdendasein steht, Dem Klosterleben kaum entwachsen, Ich könnt' ihn sehen so, Wie er einst werden müßte, Wenn er das Ziel In solcher Art verfolgte, Wie er bisher es dachte. Und jene Menschen nur, Die geisterfüllt im Erdenfeld schon sind, Sie schienen unverwandelt Im Geistgebiet. Behalten hatten Vater Felix Und Mutter Felicia Die Erdenformen sich, Als meines Geistes Auge sie erblickte. Und dann erwiesen meine Führer Mir ihre Gunst und sprachen Von Gaben, die mir werden sollen, Wenn ich erreichen kann Erhabne Wissenshöhen. Und vieles hab' ich noch gesehn Mit meinen Geistorganen, Was erst die Sinne mir gezeigt Auf ihre enge Art. Und klärend Urteilslicht erstrahlte In meiner neuen Welt. Doch ob ein Traum mir dämmerte, Ob Geisteswirklichkeit mich schon umgab, Ich konnte es noch nicht entscheiden. Ob meine Geistesschau berührt Von andern Dingen ward, Ob ich das eigne Selbst Mir nur zu einer Welt erweitert, Ich wüßt' es nicht. Und dann erschienst du selbst. Nicht wie in dieser Zeit du bist, Nicht wie Vergangenheit dich sah,

Nein, so erblickt' ich dich, Wie ewig du im Geiste stehst. Nicht menschlich war dein Wesen; Den Geist in deiner Seele, Ihn könnt' ich klar erkennen. Er tat nicht, was ein Mensch In einem Sinnenleibe tut. Er handelt' wie ein Geist, Der Werken Dasein geben will, Die in den Ewigkeiten wurzeln. Und jetzt erst, da vor dir Im Geist ich stehen darf, Erstrahlt mir volles Licht. In dir hat schon mein Sinnensehn Die Wirklichkeit so fest ergriffen, Daß mir Gewißheit ist Auch hier im Geisterland: Es steht kein Zauberbild vor mir. Es ist die wahre Wesenheit, In der ich dir begegnet dort, In der ich hier dich treffen darf. THEODORA (erscheinend): Es drängt zu sprechen mich. Aus deiner Stirn, Maria, Entsteigt ein Lichtesschein. Der Schein gestaltet sich. Er wird zur Menschenform. Er ist ein geisterfullter Mann. Und andre Menschen sammeln sich um ihn. Ich schau in lang entschwundne Zeit. Und jener fromme Mann, Der deinem Haupt entstiegen ist, Er strahlt aus seinen Augen Die reinste Seelenruhe, Und Innigkeit erglimmt Aus seinen edlen Zügen. Vor ihm erblickt mein Auge Ein Weib, das in Ergebenheit Den Worten lauscht, Die aus des Mannes Munde kommen. Ich hör' die Worte. Sie klingen so: Ihr habt zu euren Göttern In Ehrfurcht aufgeschaut. Ich liebe diese Götter, Wie ihr sie selber liebt. Sie schenkten eurem Denken Kraft, Sie pflanzten Mut in eure Herzen. Doch stammen ihre Gaben Aus einem höhern Geisteswesen. Ich schau', wie wilden Sinn erregte, Was jener Mann den Leuten sagt'. Ich kann die Rufe hören: O tötet ihn; er will uns rauben, Was Götter uns gegeben. Es spricht der Mann gelassen weiter. Er redet von dem Menschengotte, Der zu der Erde niederstieg, Und der den Tod besiegte: Von Christus redet er. Und wie er weiterspricht, Da sänftigen sich die Seelen, Es widersteht nur eins der Heidenherzen. Das schwört dem Manne Rache. Ich kann erkennen dieses Herz; In jenem Kinde schlägt es wieder,

Das sich an deine Seite schmiegt. Es spricht zu ihm der Christusbote: Dein Schicksal will es nicht, Daß du mir nahst in diesem Leben; Doch warte ich geduldig, Dein Weg, er führt dich doch zu mir. Das Weib, das vor dem Manne steht, Es fällt zu dessen Füßen; Verwandelt fühlt es sich. Es betet eine Seele zu dem Menschengotte; Es liebt ein Herz den Gottesboten. (Johannes sinkt auf die Knie vor Maria.) MARIA: Johannes, was dir dämmert, Zum Vollbewußtsein sollst du es erwecken. Gedächtnis rang sich eben In dir von Sinnesfesseln los. Du hast empfunden mich, Du hast erfühlet dich, Wie wir im vor'gen Erdensein vereint. Das Weib, von dem die Weise sprach, Du warst es selbst. So lagst du mir zu Füßen, Als ich dereinst als Christusbote Zu deinem Stamme kam. Was in Hybernias geweihten Stätten Vertraut mir ward von jenem Gotte, Der in dem Menschen wohnte Und Sieger wurde über Todesmächte: Ich durfte dies zu Völkern bringen, In welchen noch lebendig war Die Seele, die dem starken Odin Die frohen Opfer brachte DiesPforte der Einweihung Und an den lichten Balder Mit Trauer denken mußte. Dich zog vom ersten Tage, Da mich dein Sinnesauge sah in diesem Leben, Die Kraft zu mir, die damals dir Aus jener Botschaft wuchs. Und weil sie mächtig wirkte Und unbewußt doch blieb uns beiden, Verwob sie unserm Dasein Die Leiden, die wir durchgerungen. Doch lag im Leiden selbst die Macht, Zu führen uns in Geistesreiche, Wo wir uns wahrhaft kennenlernen. Es stieg dein Schmerz zum Übermaß Durch vieler Menschen Gegenwart. Du bist verbunden ihnen durch die SchicksalsSo konnte ihres Wesens Offenbarung [macht. Dein Herz so stark erschüttern. Es hat sie Karma jetzt um dich versammelt, Um eine Kraft in dir zu wecken, Die deinem Leben vorwärtshalf. Und diese Kraft hat dich durchrüttelt, Daß du befreit vom Leib In Geisteswelten steigen konntest. Am nächsten stehst du meiner Seele, Der du in Schmerzen Treue hast bewahrt; Darum ist mir das Los gefallen, Die Weihe zu vollenden, Der du das Geisteslicht verdankst. Es haben dich erweckt zum Schauen Die Brüder, die im Tempel Dienste tun. Doch kannst du nur erkennen, Daß Wahrheit dies Geschaute ist, Wenn du im Geisterlande wiederfindest

Ein Wesen, dem du schon in Sinneswelten Im tiefsten Sein verbunden bist. Daß dir dies Wesen hier entgegentreten kann, Entsandten mich die Brüder dir voraus. Es war die schwerste deiner Proben, Als ich hierher gerufen ward. Ich bat den Führer, Benedictus, Zu lösen mir Das Rätsel meines Lebens, Das grausam mir erschien. Und Seligkeit entströmte seinen Worten, Als er von seiner Sendung sprach und meiner. Er sprach mir von dem Geiste, dessen Dienst Die Kraft in mir gewidmet solle sein. Es war bei seinen Worten mir, als ob In einem Augenblicke mir das hellste Geisteslicht Die Seele ganz durchstrahlte, und Leid In Seligkeit beglückend sich gewandelt hätte. Und ein Gedanke nur erfüllte mir die Seele: Er gab mir Licht - Ja, Licht, das mir die Kraft des Sehens schenkte. Es war der Wille, der in dem Gedanken lebte: Mich hinzugeben ganz dem Geist Und fähig für das Opfer mich zu machen, Das mich ihm nahebringen könnte. Es hatte der Gedanke höchste Kraft. Er gab der Seele Schwingen und entrückte mich In dieses Reich, in dem du mich gefunden. In jenem Augenblick, da ich mich frei Vom Sinnenleibe fühlte, konnte ich Das Geistesauge auf dich richten. Ich hatte nicht Johannes nur vor mir; Ich sah das Weib, das mir gefolgt In alten Zeiten war und sein Geschick An meines enge hat gebunden. So ward mir Geisteswahrheit hier durch dich, Der mir in Sinneswelten schon Im tiefsten Sein verbunden ist. Ich hatte mir erworben Geistessicherheit Und ward befähigt sie zu geben dir. Zu Benedictus sendend einen Strahl Der höchsten Liebe, ging ich dir voran. Und Er hat dir die Kraft verliehn, Zu folgen mir in Geistersphären. BENEDICTUS (erscheinend): Ihr habt euch selbst Gefunden hier im Geistgebiet, So darf auch ich An eurer Seite wieder sein. Ich durfte euch die Kraft verleihn, Die euch hierher getrieben, Doch könnt' ich euch Nicht selbst geleiten. So will es das Gesetz, Dem ich gehorchen muß. Ihr mußtet, durch euch selbst, Erwerben erst das Geistesauge, Das mich auch hier Euch sichtbar macht. Es hat der Weg der Geistespilgerschaft Für euch nun erst begonnen. Ihr werdet jetzt im Sinnensein Mit neuen Kräften stehen Und mit dem Geiste, Der euch erschlossen ist, Dem Menschenwerden dienen können. Es hat das Schicksal euch verbunden,

Vereint die Kräfte zu entfalten, Die gutem Schaffen dienen müssen. Und wandelnd auf dem Seelenpfade, Wird euch die Weisheit selber lehren, Daß Höchstes kann geleistet werden, Wenn Seelen, die sich Geistessicherheit verliehn, In Treue sich zum Weltenheile binden. Die Geistesführung einte zur Erkenntnis euch, Nun eint euch selbst zum Geisteswirken. Die Mächte dieses Reiches geben euch Durch meinen Mund das Wort der Kraft: Des Lichtes webend Wesen, es erstrahlet Von Mensch zu Mensch, Zu füllen alle Welt mit Wahrheit. Der Liebe Segen, er erwärmet Die Seele an der Seele, Zu wirken aller Welten Seligkeit. Und Geistesboten, sie vermählen Der Menschen Segenswerke Mit Weltenzielen; Und wenn vermählen kann die beiden Der Mensch, der sich im Menschen findet, Erstrahlet Geisteslicht durch Seelenwärme. (Vorhang.)

German original of Scene 7 — The Spirit-world. · ← Previous · Next →