Die Prüfung der Seele — Erstes Bild

GA 14

Ein Bibliothek- und Studierzimmer des Capesius. Brauner Grundton. Abendstimmung. Capesius, dann Geistgestalten, die Seelenkräfte sind; hernach Benedictus. Dieses und die folgenden Bilder stellen Ereignisse dar, welche mehrere Jahre nach der Zeit liegen, in welcher «Die Pforte der Einweihung» spielt. CAPESIUS (lesend in einem Buche): «Ins Wesenlose blickend mit dem Seelenauge Und in des Denkens Schattenbildern Nach selbstgemachten Regeln träumend -: So forschet oft des Menschen irrend Wesen Nach Sinn und Ziel des Lebens. Aus Seelentiefen will es Antwort holen Auf Fragen, die nach Weltenweiten zielen. Doch solches Sinnen lebt im Wahne schon Bei seinen allerersten Schritten Und sieht zuletzt die Geistesblicke Ohnmächtig sich nur selbst verzehren.» (Das Folgende sprechend.) So prägt in ernsterfüllte Worte Des Benedictus edler Sehergeist Die Seelenbahn gar vieler Menschen. Vernichtend trifft mich jedes dieser Worte —. Des eignen Lebensweges Bild, Sie malen mir es grausam wahr. Und wenn ein Gott in dieser Stunde Aus wilder Stürme Macht Im Zorne sich mir nahen wollte, Es könnten seine Schreckgewalten Entsetzensvoller mich nicht quälen Als dieser Schicksalsworte Kraft. In einem langen Menschenleben Hab' ich gewoben nur in Bildern, Die schattenhaft sich zeichnen Im Seelentraum, der wahnbefangen Natur und Geistestaten spiegelt Und der aus seinem Traumgewebe Gespenstig Weltenrätsel lösen will. Ich wandte nach so manchem Ziel Die suchende Seele rastlos hin -; Doch klar muß ich erkennen: Ich selbst - ich lebte nicht in meiner Seele, Wenn wahnbetört in Weltenfernen Des Denkens Fäden hin sich spannen wollten. So blieb ein leeres Sinnen nur, Was ich in Bildern selbstgefällig malte. Da trat in meine Lebensbahn Thomasius, der junge Maler -; Er schritt durch wahre Seelenkräfte Zu jener hohen Geistesart, Die Menschenwesen wandelt Und aus verborgnen Seelenschachten Entsteigen läßt die Kräfte, Die Daseinsquellen schaffen. Was ihm erwuchs aus Seelengründen -: Es ruht in jedem Menschen. Und weil es mir an ihm sich offenbarte, Erkenn' ich als des Lebens größte Sünde, Den Geistesschatz verfallen lassen. - So weiß ich, daß ich suchen muß Und darf im Zweifel nicht verharren. Es hätte früher meines Denkens eitler Weg Zur falschen Meinung mich verführen können: Vergebens sei des Menschen Forschungstrieb,

Entsagung nur gezieme allem Sinnen, Das nach den Lebensquellen strebt. Und wenn als aller Weisheit Schluß Sich sicher mir ergeben hätte, Daß Menschenschicksalsmächte fordern, Als Eigenwesen zu versinken Ins wesenlose Nichts: Ich wagt' es unverzagt. Es wäre Frevel, so zu denken, Nachdem ich deutlich hab' erfahren, Daß ich nicht Ruhe finden darf, Bevor der Geistesschatz in meiner Seele Das Licht des Tages hat gefunden. Es haben Geisteswesen ihrer Arbeit Früchte In Menschenseelen eingepflanzt; Und Götterwerk vernichtet, Wer ungepflegt die Geistessamen läßt verwesen. So kann ich höchste Lebenspflicht erkennen -; Doch will ich einen Schritt nur wagen In jenes Reich, das ich nicht meiden darf, So fühl' ich, wie die Kräfte mir versagen, Durch die in hochmutvollem Denken Ich deuten wollte Lebensziele In Zeitenstrom und Weltenweiten. Einst glaubte ich, mit Leichtigkeit Gedanken aus dem Hirn zu pressen, Die Wirklichkeiten greifen sollten. Doch jetzt, da ich den Lebensquell Im Wahrheitlicht erfassen will, Erscheint des Denkens Werkzeug stumpf -, Und machtlos quäl' ich mich, Gedankenbilder klar zu formen Aus Benedictus' ernsten Worten, Die mir die Geisteswege weisen sollen: (Das Weitere wieder lesend.) «In deine Seelentiefen dringe ruhig; Und Starkmut laß dir Führer sein. Verliere frühern Denkens Formen, Wenn du versinkst in dich, Um dich zu dir zu führen. Ertötend alles Eigenlicht, Erscheint dir Geisteshelle.» (Das Folgende wieder sprechend.) Es ist, als ob der Atem mir versagen wollte, Wenn ich erstrebe solcher Rede Sinn zu fassen. Und eh' ich fühle, was ich denken soll, Ergreifen Angst und Schrecken meine Seele. Empfinden muß ich, wie wenn alles, Was bis hierher im Leben mich umgab, Zusammenstürzen und in seinen Trümmern Zum Nichts mich wandeln müßte. O, hundertmal hab' ich gelesen Die Worte, die nun folgen : Mit einem jeden Male ist Nur finsterer die Finsternis Um mich hereingebrochen. (Wieder lesend.) «In deinem Denken leben Weltgedanken, In deinem Fühlen weben Weltenkräfte, In deinem Willen wirken Weltenwesen. Verliere dich in Weltgedanken, Erlebe dich durch Weltenkräfte, Erschaffe dich aus Willenswesen. Bei Weltenfernen ende nicht Durch Denkenstraumesspiel ; Beginne in den Geistesweiten,

Und ende in den eignen Seelentiefen: - Du findest Götterziele, Erkennend dich in dir.» (Ohnmächtig durch eine Vision in sich versinkend. Zu sich kommend, das Weitere sprechend.) Was war dies? (Drei Gestalten, als Seelenkräfte, umschweben ihn.) LUNA: Die Kraft, sie fehlt dir nicht Zum edlen Geistesflug. Sie ist gegründet Im Menschenwollen. Sie ist gehärtet Von Hoffnungssicherheit. Sie ist gestählet Von Zukunftsferneblicken. Der Mut nur fehlet dir, Ins Wollen zu ergießen Die Lebenszuversicht . Ins weite Unerkannte Zu wagen nur, erkühne dich! ASTRID: Von Weltenfernen Aus Sonnenfreudelicht - Von Sternenweiten Aus Weltenzaubermacht -, Vom blauen Himmelsäther Aus Geistes Höhenkraft - Erstrebe Seelenmacht Und lenke ihre Strahlen In Herzensgründe, Erwärmend wird Erkenntnis Erzeugen sich in dir. DIE ANDRE PHILIA: Sie täuschen dich, Die bösen Schwestern; Sie wollen dich umspinnen Mit Lebensgaukelspiel. Es wird zerfließen Der Gaben eitler Trug, Den sie dir reichen, Wenn du mit Menschenkraft Ihn halten willst. Sie führen dich Zu Götterwelten Und werden dich zerstören, Wenn du in ihrem Reich Das Menschenwesen Ertrotzen willst. CAPESIUS: Es war ganz deutlich Es sprachen Wesen hier — Und doch, es ist gewiß — Kein Mensch ist außer mir An diesem Ort So habe ich zu mir nur selbst gesprochen ? Auch das ist möglich nicht; Denn nimmer könnte ich ersinnen, Was ich zu hören meinte — Bin ich denn noch, Der ich vordem war? (An seinen Gebärden ist zu bemerken, daß er sich unfähig fühlt, «Ja» zu antworten.) O - ich bin - ich bin es nicht -

GEISTESSTIMME, DAS GEISTIGE GEWISSEN: Es steigen deine Gedanken In Menschenwesens Tiefen. Was als Seele dich umhüllt, Was als Geist in dich gebannt, Entschwebet in Weltengründe; Von deren Fülle Die Menschen trinkend Im Denken leben; Von deren Fülle Die Menschen lebend Im Scheine weben. CAPESIUS: Zu viel .... zu viel — Wo ist Capesius? Ich fleh' zu euch, Ihr unbekannten Mächte, Wo ist Capesius? Wo bin ich selbst? (Er versinkt neuerdings brütend in sich.) BENEDICTUS (tritt ein. Capesius bemerkt ihn zunächst nicht, Benedictus berührt ihn an der Schulter): Es ist mir kundgeworden, Daß ihr verlangt, mit mir zu sprechen; So sucht' ich euch in eurem Heim. CAPESIUS: So gütig ist's von euch, Den Wunsch mir zu erfüllen. Doch hättet ihr mich kaum In einer schlechtren Lage treffen können. Und daß nach solcher Seelenpein, Wie sie mich eben traf, Ich nicht gelähmt am Boden In diesem Augenblicke vor euch liege, Nur eurem milden Blicke dank' ich es, Der meinen fand, als eure Hand So sanft mich aus den Schreckensträumen weckte. BENEDICTUS: Verborgen ist's mir nicht, Daß ich im Lebenskampfe euch getroffen. Ich wüßt' es lange schon, Daß wir uns so begegnen müssen. Gewöhnet euch, zu wandeln mancher Worte Sinn, Wenn wir uns ganz verstehen sollen. Und wundert euch dann nicht, Wenn euer Schmerz in meiner Sprache Den Namen ändern muß. Ich finde euch im Glücke. CAPESIUS: So mehrt ihr noch die Qual, Die mich in Finsternisse wirft. Ich fühlte eben, als wenn entflohn Das eigne Selbst in Weltentiefen wäre, Und durch des Selbstes Glieder fremde Wesen In diesem Räume sprächen. - Daß ich solch Geistesgaukelspiel Als Wahn empfinden durfte, Und Schmerz mir war der Trug der Seele: Das hielt allein mich aufrecht. O raubt mir solchen Fühlens Stütze nicht! -

Nennt Glück mir nicht, was Fieberwahn, - Soll ich nicht ganz verloren sein. BENEDICTUS: Es kann der Mensch verlieren nur, Was ihn vom Weltenwesen scheidet. Und scheint ihm erst verloren, Was er in Denkens Traumesstimmung Zu wesenlosem Dienst mißbraucht', So soll er suchen, was sich ihm entwunden. Er wird es wiederfinden Und dann es erst in rechter Art Dem Menschenwerke weihen. Zu trösten euch in dieser Stunde, Es war' ein lehrhaft Spiel mit Worten. CAPESIUS: Nein - Lehren, die Vernunft allein genügen, Sie sind doch wahrlich nicht bei euch zu finden. Ich hab' es schwer empfinden müssen. Gleich Taten, die auf Höhen führen Und auch in Abgrundtiefen stürzen, So strömet feurig Leben Und Todeskälte auch durch eure Reden In Menschenseelen kraftvoll ein. Sie wirken wie des Schicksals Winke Und auch wie Lebensliebesstürme. Ich hab' gedacht, geforscht, Bevor ich euch begegnet; — Des Geistes Schöpferkräfte Und sein Vernichtungswerk, Sie kenn' ich erst, Seit ich in eure Spuren trat. Was euer Wort in meiner Seele angerichtet, Das fandet ihr an mir, Als ihr in meine Stube tratet. Ich war zermartert oft Beim Lesen eures Lebensbuches, Doch heute war der Qualen Maß erfüllt. Und überfließen mußte meine Seelennot Durch eures Buches Schicksalswort. Verständnis eurer Reden, Es blieb versagt der Seele; Doch wie ein Lebenssaft Ergoß das Wort ins Herz sich mir Und wirkte Zauberwelten, Daß mir des Sinnes Klarheit schwand. Gespenstig Wesen sah ich um mich gaukeln. Bedeutsam dunkle Worte konnte ich Aus krankhaft irrer Seele tönen hören. Ich weiß, daß ihr nicht alles, Was ihr für Menschenseelen hütet, Der Schrift wollt anvertrauen, Und daß ihr manches Rätsels Lösung Je nach Bedürfnis an die Menschen wendet. So gönnt auch mir, wes ich bedarf; Denn wissen muß ich, Was mir Vernunft und Sinne raubte Und mich mit luftig Zauberwerk umgab. BENEDICTUS: Es wollen meine Worte nicht das allein nur sagen, Was als Begriffeshüllen sie verraten; Sie lenken Seelenwesenskräfte Zu Geisteswirklichkeiten; Ihr Sinn ist erst erreicht, Wenn sie das Schauen lösen in den Seelen,

Die sich ergeben ihrer Kraft. Sie stammen nicht aus meinem Forschen, Sie sind von Geistern mir vertraut, Die kundig sind der Zeichen, In welchen sich das Weltenkarma offenbart. Zu führen an Erkenntnisquellen, Ist dieser Worte Eigenheit. Doch muß dem Menschen es verbleiben, Der sie vernimmt im wahren Wesen, Zu trinken Geistessäfte aus den Quellen. Und gegen meiner Worte Absicht ist es nicht, Daß sie in Welten euch entrückt, Die euch gespenstig scheinen. Ihr habt ein Reich betreten, Das Wahn euch bleiben muß, Wenn ihr in ihm euch selbst verliert; Das sicher aber aller Weisheit erste Pforte Für eure Seele Öffnen wird, Wenn ihr in ihm euch selbst bewahrt. CAPESIUS: Und wie kann ich mich selbst bewahren? BENEDICTUS: Die Lösung wird euch dieser Rätselfrage, Wenn ihr mit wachem Seelenauge Euch stellt vor manche Wunderdinge, Die bald in eure Wege treten sollen. Zur Prüfung seh' ich euch gefordert Von Schicksalsmächten und von Geistgewalten. (Geht ab.) CAPESIUS: Zwar kann ich seiner Worte Sinn nicht deuten, Doch fühl' ich sie in meinem Wesen wirken. Er hat ein Ziel mir angewiesen —: Ich will dem Wink gehorchen. Er fordert nicht Gedankenstreben; Er will, daß ich in Geisteswirklichkeiten Die Schritte forschend lenke. Ich kenne seiner Sendung Wesen nicht; Vertrauen doch erzwingt sein Tun; Er hat mich wieder zu mir selbst gebracht. So mag für diese Stunde Mir ungewiß auch bleiben Das Zauberwesen, das mich schreckte; Ich will mich frei entgegenstellen Den Dingen, die er mir prophetisch kündet. (Vorhang, während Capesius noch stehenbleibt.)

German original of Scene 1 — Capesius. His occult exercises; and his despair. · ← Previous · Next →