Der Seelen Erwachen — Elftes Bild

GA 14

Dasselbe Zimmer wie in den beiden vorigen Bildern. Benedictus und Strader treten in das Zimmer. STRADER: Ihr sprächet ernste und Maria auch Sehr harte Worte, als ihr beide mir Am Abgrund meines Lebens euch gezeigt. BENEDICTUS: Ihr wißt, die Bilder sind nicht wesenhaft; Der Inhalt ist's, der zu der Seele dringen Und sich im Bilde offenbaren will. STRADER: Doch hart war, was aus diesen Bildern sprach: «Wo ist dein Licht? Du strahlest Finsternis. Du schaffst ins Licht die wirre Finsternis.» So sprach, als Bild Marias, doch der Geist. BENEDICTUS: Da ihr euch auf der Bahn des Geistes Um eine Stufe höher hobt, deshalb bezeugte Der Geist, der euch zu sich empor geführt, Was ihr vorher erreicht, als Finsternis. Marias Bild hat dieser Geist gewählt, Weil eure Seele ihn euch so gestaltet. Mein lieber Strader, mächtig waltet jetzt Der Geist in euch, er führt in raschem Fluge Zu hohen Seelenstufen euch hinan. STRADER: Und doch, es klingt ganz furchtbar meiner Seele:

«Weil du zu feige bist, dein Licht zu strahlen.» Auch dieses sprach der Geist in jenem Bilde. BENEDICTUS: Es mußte euch der Geist doch feige nennen, Weil eurer Seele wahrlich feige ist, Was für gering're Seelen Tapferkeit. Im Fortschritt wird, was früher mutig war, Zur Feigheit, die zu überwinden ist. STRADER: O, wie berühren diese Worte mich! Romanus sprach mir jüngst von seinem Plane. Ich sollte nicht mit euch vereint das Werk Vollführen, sondern ohne eure Hilfe. Er wäre dann bereit, Hilarius Mit allem, was er habe, beizustehn. - Auf meinen Einwand hin, daß ich das Werk Von eurem Kreise niemals trennen werde, Erklärte er, daß dann das weitre Mühen Vergeblich sei. Romanus unterstützt Den Widerstand, den Gottgetreus Gefährte Dem Plane bietet, ohne den mein Leben Mir wahrhaft völlig wertlos scheinen muß. Ich sehe, da die beiden Männer mir Das Tatenfeld entreißen, nichts vor mir Als Leben, dem die Luft zum Leben fehlt. Daß jetzt mein Geist nicht flügellahm sich zeige, Bedarf ich jener Tapferkeit, von der Ihr eben spracht. - Ob ich jedoch dazu Mich stark genug auch zeigen werde, dies Vermag ich nicht zu sagen, denn ich fühle, Wie sich die Kraft, die ich entfesseln will, Zugleich auch gegen mich verderblich wendet. BENEDICTUS: Maria und Johannes sind im Schauen Seit kurzem fortgeschritten; was sie noch Vorher gehindert, von dem Mystenleben Den Schritt ins Sinnensein zu tun, es ist Nicht mehr vorhanden; Ziele werden sich Im weitern Zeitverlauf für euch und sie Gemeinsam finden. - Nicht als Führer, doch Als Kräfteschöpfer gilt das Wort des Mysten: Es wird geschehen, was geschehen muß. Deshalb erwarten wir in Wachsamkeit, In welcher Art der Geist die Zeichen weist. STRADER: Zum Bilde schuf sich mir vor kurzer Zeit, Was mir als Schicksalswink erscheinen muß. Ich war in einem Schiff; am Steuer ihr; Besorgen mußte ich das Ruderwerk; Maria und Johannes fuhren wir An ihre Wirkensstätte; da erschien Ganz nah' an uns ein andres Schiff; in ihm Romanus mit dem Freunde Gottgetreus. Sie stellten sich uns feindlich gegenüber. Ich kämpfe gegen sie; - im Kampfe trat Dann Ahriman an ihrer Seite auf. Noch schaut' ich mich im harten Kampf mit ihm, Zur Seite trat mir helfend Theodora. Dann schwand das Bild aus meinem Geisteskreis. - Ich wagte vor Capesius und Felix Einmal das Wort: Ertragen würd' ich leicht Den Widerstand, der meinem Werke jetzt Von außen droht; wenn auch an ihm mein Wollen Zerschellte, - ich vermöchte mich zu halten. - Ob jenes Bild mir jetzt bedeuten will,

Daß äußrer Widerstand der Ausdruck ist Für innren Kampf - für Kampf mit Ahriman? Bin ich für diesen Kampf denn auch gerüstet? BENEDICTUS: Mein Freund, ich kann in eurer Seele schauen, Daß dieses Bild noch nicht euch voll gereift. Ich fühle, ihr vermögt die Kraft zu stärken, Die euch dies Bild vor Geistesaugen stellte. - Empfinden kann ich jetzt, daß ihr für euch Und auch für eure Freunde Kräfte schafft, Wenn ihr die Stärkung recht erstreben wollt. Erfühlen kann ich dies; doch wie es sich Vollziehen wird, verbirgt sich meinem Schauen. (Vorhang fällt.)

German original of Scene 11 — Strader's awakening. · ← Previous · Next →