Der Seelen Erwachen — Zwölftes Bild
GA 14
Das Innre der Erde. Mächtige Kristallgebilde, durchbrochen von lavaartigen Durchflüssen; das Ganze matt leuchtend, zum Teil durchsichtig, zum Teil durchscheinend. Nach oben rote Flammen, die wie von der Decke nach unten zusammengepreßt werden. AHRIMAN (zuerst allein): Es fällt jetzt Wesenszeug von oben her, Das ich mir nutzen muß. Dämonenstoff Verrinnt im Formbezirk. - Ein Mensch erstrebt Die Geistsubstanz, die er von mir erhalten, Aus seinem Wesen gänzlich auszutilgen. Ich könnt' bisher ihn leidlich inspirieren; Doch jetzt ist er dem Mystenschwarm zu nah', Der durch das Weisheitslicht des Benedictus Das Wachen in der Weltenmitternacht Ertrotzen konnte. Den hat Lucifer Verwirkt; so daß Maria und Johannes Aus seinem Lichtbezirk entrinnen konnten. Ich muß mich jetzt an Strader kräftig halten. Hab' ich erst ihn, so hol' ich auch die andern. Johannes hat an meinem Schatten schon Sich greulich abgestumpft; - der kennt mich gut. Ich kann an ihn nicht ohne Strader kommen. Und mit Maria ist es ebenso. Doch Strader wird das Geistgewirr, das als Natur den Menschen gilt, vielleicht noch nicht Als meinen Geistestroß durchschauen können; Und blindes Kraft- und Stoffgespinst vermuten, Wo ich mit Geistverleugnung geistig schaffe. Zwar haben ihm die andern viel geschwatzt Von meiner Wesenheit und meinem Reich;
Doch halt' ich ihn noch nicht für ganz verloren. Er wird vergessen, daß ihn Benedictus Halbwissend her zu mir geschickt um ihm Den Glauben auszutreiben, daß ich nur Ein Hirngespinst in Menschenköpfen sei. Nur brauch' ich Erdenhilfe, soll ich ihn In mein Gebiet zur rechten Zeit entführen. Ich will mir eine Seele jetzt berufen, Die so gescheit sich dünkt, daß ich für sie Nichts weiter bin als dummer Narrentrug. Die dient mir zeitenweis', wenn ich sie nutz'. - (Ahriman geht ab, kommt mit Ferdinand Reineckes Seele zurück; diese ist der Gestalt nach eine Art Kopie von ihm; beim Eintritt nimmt er der Person, welche die Seele darstellt, eine Binde von den Augen.) AHRIMAN: Den Erdverstand muß er am Tore lassen. Er darf ja nicht verstehn, was er bei mir Erfahren soll; denn redlich ist er noch; Und nichts erstrebt' er mir, wenn er verstund', Wozu ich jetzt ihn inspirieren will. Er muß es später auch vergessen können. Kennst du den Doktor Strader, der mir dient? FERDINAND REINECKES SEELE: Der treibt sich auf dem Erdenstern herum; Er will gelehrten Schnack ins Leben bau'n; Den bläst doch jeder Lebenswind stets um. Den Mystenprotzen hört er gierig zu; In ihrem Dunst ist er schon halb erstickt. Und jetzt will er den Gottgetreu umnebeln; Der wird von seinem Freund im Zaum gehalten, Weil ihm die Flunkertruppe sonst das Haus Mit ihrem Geistgemunkel ganz verdirbt. AHRIMAN: Mit solchem Schwätzen ist mir nicht gedient. Ich brauch' den Strader jetzt. - Solang der Mann An sich den vollen Glauben haben kann, Wird's Benedictus viel zu leicht gelingen, Den Menschen seine Weisheit beizubringen. Der Freund des Gottgetreu könnt' Lucifer Wohl dienen; ich jedoch muß anders streben. - In Strader muß ich Benedictus schaden. Hat der den Strader nicht, so wird er weiter Mit seinen andern Schülern nichts vollbringen. Zwar haben meine Gegner noch die Macht; Nach Straders Tode werden sie ihn haben. Kann ich jedoch die Seele jetzt auf Erden An sich noch irre machen, so bewirkt Mir dies, daß Benedictus ferner nicht Den Mann als Vorspann für sich nutzen kann. Nun hab' ich schon im Schicksalsbuch gelesen, Daß Straders Lebenslauf bald abgelaufen. Dies kann ja Benedictus nicht erschau'n. Mein treuer Knecht, du bist fast überschlau, Du glaubst, daß ich ein dummes Narrenbild. Du räsonierst so gut, daß man dich hört. So geh' zu Strader schon in nächster Zeit, Erklär' ihm, daß sein Mechanismus schlecht; Daß er nicht nur aus Zeit-Ungunst nicht hält, Was er versprochen; daß er schlecht erdacht. FERDINAND REINECKES SEELE: Ich bin dazu wohl präpariert. Gar lang' Ist all mein Sinnen nur darauf gerichtet,
Wie ich dem Strader recht beweisen kann, Daß er auf Irrtumswegen sich ergeht. Wenn man solch' Zeug zunächst gedankenhaft In vielen Nächten klug ersonnen hat, Dann glaubt man leicht, der Mißerfolg lag' nicht Am Denken selbst; er kam' von außen nur. Mit Strader steht's doch jammervoll fürwahr; Hätt' der sich ohne Mystennebel halten Und klug Verstand und Sinn gebrauchen können, Der Menschheit war' aus seinen hohen Gaben Der größte Nutzen sicherlich erwachsen. AHRIMAN: Du sollst dich jetzt mit Klugheit wohl bewaffnen. Dein Werk soll sein, daß Strader an sich selbst Nicht mehr den rechten Glauben finden mög'. Dann wird er auch an Benedictus künftig Nicht mehr sich halten wollen; der ist dann Auf sich und seine Gründe angewiesen. Die aber sind den Menschen nicht genehm. Sie werden auf der Erde um so mehr Gehaßt, je wahrer sie sich zeigen können. FERDINAND REINECKES SEELE: Mir geht der Sinn schon auf, wie ich dem Strader Die Fehler seines Denkens demonstrier'. Es hat sein Mechanismus einen Fehler, Den kann er selber nicht bewußt sich machen. Die Mystenfinsternis verhindert's ihm. Ich werde ihm mit meiner Nüchternheit Viel bess're Dienste wahrlich leisten können. Ich wollte dies seit langen Zeiten schon; Doch wüßt' ich nicht, wie ich es machen soll. Ich fühle mich erst jetzt dazu erleuchtet. Ich muß jetzt alles recht ins Auge fassen, Was Strader von der Wahrheit überzeugt. (Ahriman führt Reineckes Seele hinaus und legt der Person, welche die Seele darstellt, bevor sie sein Gebiet verläßt, wieder die Binde um die Augen.) AHRIMAN (allein): Der wird mir gute Dienste leisten können. Das Mystenlicht auf Erden brennt mich sehr; Ich muß dort weiterwirken, ohne daß Die Mysten meine Werke offenbaren. (Theodoras Seele erscheint.) THEODORAS SEELE: Du magst an Strader dringen, doch bin ich An seiner Seite; da er mich gefunden Auf lichtem Seelenpfade, ist er mir Vereint, ob er im Geistgebiet, ob er Im Erdbereich das Leben führen muß. AHRIMAN: Wenn sie ihn wirklich nicht verläßt, so lang Er noch auf Erden weilt, wird mir der Kampf Verloren sein; doch kann ich wohl noch hoffen, Daß er zuletzt sie doch vergessen könnte. (Vorhang fällt.)